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Michael Krüger: Er bleibt mein Freund Oskar : Ein zarter, trauriger Mensch

  • -Aktualisiert am

Michael Krüger ist verlegerischer Geschäftsführer des Hanser Verlages, in dem die Werkausgabe Oskar Pastiors erscheint Bild: Frank Röth

Erst nach und nach erzählte Oskar Pastior seinem Freund Michael Krüger von seinem Leben, von seiner Angst vor der Securitate, von entsetzlichen Verhören. Dass Pastior selbst jemals einen Kollegen ans Messer geliefert haben könnte, kann Krüger sich nicht vorstellen.

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          Ich lernte Oskar Pastior 1968 an einem der ersten Tage nach seiner Ankunft in München kennen. Martin Walser hatte ihn zu einem Abendessen bei Peter und Barbara Hamm mitgebracht, einen freundlichen, verstörten Menschen, dem man die Entscheidung noch ansah, die er gerade getroffen hatte. Weil irgendwann der letzte Zug in das „Auffanglanger“ verpasst war, bot ich ihm an, bei mir zu übernachten. Oskar blieb sehr lange. Ich zog mit ihm aus meiner winzigen Zweizimmerwohnung sogar in eine größere um, damit er in Ruhe schreiben konnte.

          Auf winzigen Zetteln, die aussahen wie Kassiber, notierte er die ersten Gedichte, die dann unter dem Titel „Vom Sichersten ins Tausendste“ bei Suhrkamp erschienen. In den ersten Wochen saß er stundenlang vor dem Fernsehapparat, rauchte, schwieg. Erst nach und nach erzählte er von seinem Leben, von seiner Angst vor der Securitate, von entsetzlichen Verhören.

          Er hatte Angst, seine Familie zu gefährden

          Da ich, im Frieden aufgewachsen, mir diese Art von Folter nicht vorstellen konnte, bohrte ich immer weiter, allerdings vergeblich. Ich hatte den Eindruck, als wollte er an sein früheres Leben nicht erinnert werden. Nur gelegentlich sprach er von seiner Familie, von den Festen, von seinen frühen Gedichten, die er nicht mehr gelten lassen wollte. Die tiefe Traurigkeit, die diesen zarten Menschen umgab, war nur selten aufzulockern. Dass er mehrere Jahre unschuldig in einem Lager verbringen musste, erwähnte er nur am Rande. Da er zu der Zeit noch verheiratet war, hatte er offenbar Angst, seine Familie zu gefährden.

          Anders, als mich die „Süddeutsche Zeitung“ nun zitiert, hatte ich keine Ahnung von Oskars Homosexualität – erst nachträglich habe ich mir seine umfassende Diskretion so erklärt, dass die Repressalien, denen Homosexuelle in Rumänien ausgesetzt waren, ihm die Stimme verschlagen hatte.

          Als ich kürzlich von Ernest Wichner von den Anschuldigungen hörte, stellte ich mir vor, wie man Oskar dazu gebracht hat, für die Securitate zu arbeiten. Eine grauenhafte Vorstellung. Da sitzt dieser friedliche Mann, dem man seine Jugend gestohlen hatte, in einem kahlen Zimmer einem zynischen Idioten gegenüber, der ihm erklärt, wenn er nicht unterschreibe, dann käme er wieder dorthin zurück, wo man ihn am tiefsten gedemütigt hatte. Also hat er zugestimmt, als „Stein Otto“ aufzutreten. Aber er hat keinen denunziert! Ich kann nicht glauben, dass er irgendeinen Bericht geschrieben haben könnte, der einen Kollegen ans Messer geliefert hat. Er bleibt mein Freund Oskar.

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