https://www.faz.net/-gqz-no61

Memoiren : Hillarys Pfingstbeichte

  • -Aktualisiert am

„Gelebte Geschichte” von Hillary Rodham Clinton Bild: AP

Von guten Geistern verlassen: In ihren Memoiren "Living History" schreibt Hillary Clinton auf knapp sechshundert Seiten über Familie, Vergebung und berufliche Ambitionen.

          Das Ritual der Beichte ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Darum nimmt es eine neue Dimension an, wenn es zwischen zwei Buchdeckeln stattfindet. Auch dort kann es sich noch eine Spur von Intimität bewahren, die freilich nicht erst vom Veröffentlichungstag an gefährdet ist. Weil Bücher verkauft sein wollen, kann gar nicht früh genug über sie geredet werden.

          Mit dem Lesen hat es Zeit. Von maßgeblicher Wirkung ist dabei der öffentlich operierende Beichtvater, zumal wenn ein Verlag acht Millionen Dollar für ein Buch ausgegeben hat und mindestens zwei Millionen Exemplare absetzen muß, um rote Zahlen in schwarze zu verwandeln.

          Rede und Antwort stehen

          Für Hillary Rodham Clinton gab es deshalb keine Wahl. Am Vorabend der Weltpremiere ihrer Memoiren mußte sie Barbara Walters, der dienstältesten Beichtmutter der amerikanischen Fernsehnation, eine Stunde lang zur Prime Time Rede und Antwort stehen. Auch dieses Ritual sollte der Öffentlichkeit besser erspart bleiben. Die Peinlichkeiten, für die Frau Walters in ihren chronischen Seelenerkundungen gesorgt hat, sind Legion, und Miß Clinton, Senatorin des Bundesstaats New York, kann froh sein, daß diesmal alles recht glimpflich abging.

          Statt eines Interviews war eine Lebensgeschichte mehr oder weniger zu genießen, eine in wunderhübsche alte und neue Bilder verpackte Vita, die mit watteweichen Fragen immer wieder mal aufgelockert wurde. Dazu waren die beiden prominenten Damen nach Illinois gereist, wo die spätere First Lady aufwuchs, nach Chappaqua in der Nähe von New York, wo das Ehepaar Clinton sich jetzt niedergelassen hat, und natürlich nach Washington, wo die Senatorin ihrer Arbeit nachzugehen pflegt.

          Entgeistert, untröstlich und wütend

          Gleichwohl fehlten weder der bedeutungsvolle Blickwechsel noch die vertrauliche, fast verschwörerisch geflüsterte Frage. Vielleicht ist Frau Clinton zu abgebrüht, um im entscheidenden Augenblick ihre Augen unter Wasser zu setzen. Vielleicht ist sie dazu auch noch nicht abgebrüht genug. Was bei einem derart souveränen Auftritt, gut gelaunt, wie immer etwas kühl und steif absolviert, kaum vorstellbar ist. Wo der Kern des Interviews zu suchen sei, stand allerdings seit Tagen schon fest. Das Embargo nämlich, dem das Buch bis Montag unterworfen war, wurde strategisch tadellos verletzt. In Umlauf waren nicht etwa Passagen gelangt, in denen die Autorin ihre Anstrengungen um die Gesundheitspolitik durchaus kritisch Revue passieren läßt. Zur juristisch suspekten Vorauslektüre empfahl sich insbesondere der Vorfall, den sie im Buch unter "inappropriate intimacy" abhandelt.

          Am 15. August 1998, an einem Samstag morgen, spielt die Szene, die sich nun ins Gedächtnis womöglich nicht nur Amerikas eingraben wird. Der Präsident hatte seine Gattin geweckt, lief unruhig durchs Zimmer und gestand ihr endlich seine Verfehlung. Ihre Reaktion darauf, wie sie kaum mehr atmen konnte, zu weinen begann und ihn anschrie, breitet sie oder einer ihrer Ghostwriter in geradezu groschenromanhafter Manier vor uns in direkt pulsierender Rede aus. Für Frau Walters erzählt Frau Clinton das Ganze noch einmal nach und bleibt in der Wortwahl dem Buch bemerkenswert treu.

          Entgeistert, untröstlich, wütend sei sie gewesen. Einen schlimmeren Augenblick könne sie sich für niemanden vorstellen. Buddy, der Hund der Clintons, habe damals als einziges Familienmitglied noch zum Familienoberhaupt korrekte familiäre Beziehungen aufrechterhalten. Frau Walters, weiterhin unverzagt, ringt sich zu der ihrer Meinung nach "big question" durch. Ja, sagt Frau Clinton, sie habe an Scheidung gedacht, aber auf Knien im Gebet und mit zusätzlicher Hilfe von Ehetherapeuten sei es ihr schließlich gelungen, sich bis zur Vergebung vorzuarbeien.

          Wer wird das Buch kaufen?

          Wer wird sich jetzt noch für den Rest der nahezu sechshundert Seiten begeistern? Wer wird das Buch kaufen? Zwei Prognosen stehen zueinander im Widerspruch. Nach der einen wird es im Regal verstauben, weil die Geheimnisse ausgeplaudert sind, und nach der anderen sollen die Indiskretionen den Verkauf nur noch ankurbeln.

          Die privaten Geständnisse, mit denen Frau Clinton nun erstmals an die Öffentlichkeit geht, sind jedoch nicht allein als perfekte Vorlage eines "Biopic" zu verstehen, wie es inzwischen auch angekündigt wurde: Sharon Stone als Hillary Rodham Clinton? Barbara Walters ließ sich von solchen Gerüchten nicht aus dem Takt bringen. In Interviews, mit denen sie die Aufregung um ihr Interview geschürt hat, wollte sie versichern, daß fortan die Ehe der Clintons als repariert zu gelten habe. Die Frau, die auch Monica Lewinsky schon einfühlsam die Beichte abgenommen hatte, stellte fest, daß mit der Veröffentlichung des Buches ein für allemal die Affäre ad acta gelegt ist. In den unnachahmlich prägnanten Worten, die dem Politstar von der Starinterviewerin in den Mund gelegt werden: "I've done it, I've said it, it's terrible, it's over."

          Für die Öffentlichkeit bedeutsam

          Damit aber läßt die Erzählung die Privatsphäre hinter sich und wird für die Öffentlichkeit bedeutsam. Mag die Senatorin auch beteuern, keinen Gedanken an einen zweiten Einzug ins Weiße Haus zu verschwenden, so legt sie hier doch die Grundlage für einen Rückeroberungsversuch, wann immer er auch kommen mag. Die Zwischensumme ihres Lebens, die sie in dem Buch zieht, ist folglich als Präludium für den nächsten Lebensabschnitt zu begreifen.

          Frau Clinton scheint durchaus bereit, Geschichte weiterzuleben. "Gelebte Geschichte" ist darum ein weniger treffender Buchtitel als "Living History", womit die lebendige Geschichte ebenso gemeint sein kann wie jemand, der sie durchlebt hat und noch dabei ist, sie zu durchleben. Viel Arbeit also für den Geist der Hillary Rodham Clinton, der am Pfingstwochenende in marketingtechnisch superlativischer Form über die Amerikaner gekommen ist.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

          Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

          Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.