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Ian Buruma „’45“ : Meist siegte das Bedürfnis nach Rache

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Cover von Burumas „’45 - Welt am Wendepunkt“ Bild: Verlag

Am Ende des großen Krieges: Ian Buruma entwirft ein Panorama des Jahres 1945 - als sich die Welt im Zustand kollektiver Verwundung befand.

          4 Min.

          In schwindelerregendem Tempo hetzen uns die Zwänge des Buchmarkts und des politischen Gedenkkalenders von einem Memorialanlass zum nächsten. Das Fortschreiten der Geschichte, allein schon dramatisch genug, spielt dabei keine Rolle. Nach 1913 und 1914 ist 1915 offensichtlich kein Thema. Kaum ist der Erste Weltkrieg buchhändlerisch ausgebrochen, da zeigt ihm der Markt bereits die kalte Schulter. Auch das so überaus lehrreiche Jahr 1939 blieb im Windschatten des öffentlichen Interesses, fehlte ihm doch das Gewicht eines durch zehn teilbaren Jubiläums. Stattdessen wird das Publikum nun gedrängt, mental zum Ende des Zweiten Weltkriegs zu springen.

          Das kann grundsätzlich kein Fehler sein, denn es gibt viele Gründe, daran zu erinnern, wie tief die Welt einmal gesunken war. 1945 war das Jahr der einstweilen letzten großen Schlachten in Europa und im Pazifik, das Jahr der finalen nationalsozialistischen Mordexzesse, der Todesmärsche und der Befreiung der damals noch übrigen Vernichtungs- und Konzentrationslager. Es war das Jahr der verlustreichsten Bombenangriffe auf deutsche und japanische Städte und des Atombombeneinsatzes, schließlich auch das Jahr,

          in dem eine beispiellos große Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen, von Heimatlosen und Heimkehrern durch den eurasischen Kontinent irrten. Es ist ein besonders wichtiger Beitrag von Ian Burumas panoramatisch ausgreifendem Buch, durch abstrakte Zahlen und konkrete Lebensgeschichten an die Millionen von Displaced Persons in Kontinentaleuropa, Japan, China, Südostasien und der Levante zu erinnern, für die im Sommer und Herbst 1945 der Krieg noch nicht zu Ende war. Wenn das Buch eine Lehre anbietet, dann diese: Krieg findet nicht nur auf Schlachtfeldern statt, und der Frieden ist zunächst ein Zustand tiefer kollektiver Verwundung. Niemals war er das mehr als 1945.

          Zusammenbruch und Befreiung

          Ian Buruma ist ein erfahrener historischer Schriftsteller, der sein Material geschickt zu arrangieren weiß. Er beginnt anschaulich mit den ganz unterschiedlichen Umständen dessen, was die Deutschen noch bis in die sechziger Jahre hinein den „Zusammenbruch“ nannten und nach heutigem Empfinden „Befreiung“ heißt. Diese Befreiung war niemals eine einfache Wiederherstellung von Vorkriegszuständen. Nicht nur in Deutschland nahm sie die Form militärischer Besatzung an. Überall in Europa, wo deutsches Militär geherrscht hatte, entstand eine komplizierte Gemengelage aus Siegertruppen und einheimischen Übergangsverwaltungen mit unkompromittierten Kräften und unentbehrlichen ehemaligen Kollaborateuren minderen Kalibers.

          In Japan erlangten die Amerikaner eine einzigartige Dominanz. Nach Südostasien kehrten die alten Kolonialmächte zurück und versuchten, den kolonialen Autoritarismus der Zeit vor den Japanern zu erneuern. In einigen Ländern, vor allem China und Griechenland, waren die Machtverhältnisse vollkommen ungeklärt und ließen Bürgerkriege entstehen, die einige Jahre andauern sollten.

          Allerdings interessiert sich Buruma weniger für die großen Linien der Entwicklung, und oft wird er unscharf, wenn er zu weit vom Jahr 1945 aus in die Zukunft blickt. Zu zeitgeschichtlichen Standardthemen wie den Konferenzen von Jalta und Potsdam, der Entstehung der Vereinten Nationen und der Weltwährungsordnung von Bretton Woods oder den Anfängen des Kalten Krieges erfährt man eher Anekdotisches. Tiefere analytische Einsichten erwartet man vergebens.

          Und wenn 1945 nicht nur in dem trivialen Sinne ein „Wendepunkt“ war, dass sich danach das meiste zum Besseren wendete, bleibt die Bewegungstendenz allerdings ebenso unklar wie die Offenheit der Situationen. Buruma ist beeindruckt vom Aufbau des Wohlfahrtsstaates in Großbritannien durch die Labour-Regierung Clement Attlees, doch fügt sich das nicht in ein größeres Gesamtbild. Was hätte anders gewendet werden können, und was entschied jeweils über die vielen knappen Weichenstellungen?

          Zwischen den Mühlsteinen der Kriege

          Das Buch überzeugt durch die Weite des im zeitlichen Querschnitt umfassten Horizonts. Buruma flicht immer wieder die Erfahrungen seiner niederländisch-britischen Familie ein, kommt häufig auf Niederländisch-Ostindien (seit 1949: Indonesien) als Paradigma für die entstehende Dritte Welt zu sprechen und sichert als gelernter Japanologe der asiatischen Verlierermacht ihren gebührenden Platz in einem Gesamtbild des Kriegsendes.

          Die stärksten Kapitel gehen an die Lebenswirklichkeit im Raum zwischen Algerien und den Philippinen in Naheinstellung heran. Sie schildern den Hunger in den ausgebrannten Städten, die Not von Überlebenden und Heimkehrern, deren Erzählungen niemand hören wollte, oder das Schicksal der Kosaken und anderer, wie Buruma sie nennt, „verwaister Völker“, die zwischen die Mühlsteine erst des heißen und dann des kalten Krieges gerieten. Die Gewalt, die sich nach Kriegsende fortsetzte, war vor allem durch eines motiviert: Rache. Man wird diesem Buch vielleicht am ehesten gerecht, wenn man es als eine historische, psychologische und moralische Betrachtung über Varianten von Rachebedürfnis und dessen gelegentliche Läuterung zu Gerechtigkeit versteht. In den Racheaktionen hinter den zurückweichenden deutschen und japanischen Fronten der späten Kriegsmonate und während der frühen Nachkriegszeit verkehrten sich die Rollen von Opfern und Tätern. Das Spektrum reicht von der spontanen Tötung von KZ-Aufsehern bis zu Übergriffen auf Siedlerminoritäten wie die japanischen Kolonisten in der Mandschurei, die nach der Kapitulation der kaiserlichen Armee schutzlos geworden waren.

          In Frankreich oder den Niederlanden wurden Frauen angegriffen oder sozial geächtet, die sich auf „horizontale Kollaboration“ mit Deutschen eingelassen hatten (wenig später wurde weibliches „Fraternisieren“ mit den Befreiern zu einem Massenphänomen). Beunruhigender sind Gewaltformen, die in einem momentanen Machtvakuum zum Begleichen älterer Rechnungen führten, etwa der Nachkriegsantisemitismus in Polen oder die Vertreibungen von Deutschen aus Schlesien, Böhmen und der Slowakei: in Burumas Sicht eine Art von nachgeholter sozialer Revolution. In den Kriegsverbrecherprozessen wurde Rachedurst in formalisierte Gerechtigkeit überführt. Mit der Sühnejustiz verhielt es sich paradox: zu wenige Anklagen, darunter aber zu viele von rechtsstaatlich fragwürdiger Qualität. Nur eine Minderheit unter den Verfahren genügte den hohen Maßstäben, die durch den Nürnberger Prozess gesetzt wurden.

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