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„Mein Kampf“-Edition : Für massenwirksam hielt er nur das gesprochene Wort

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Von der NS-Propaganda nicht freigegeben: Hitler in Lederhose (1927) Bild: Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv Heinrich Hoffmann

Ein Mann erfindet sich selbst: Die kritische Edition von „Mein Kampf“ widerlegt eindrucksvoll die Ansicht, dass über Hitlers Werdegang schon alles gesagt sei.

          8 Min.

          „Mein Kampf“ ist eine Schrift, die mit Bedeutungen aufgeladen wird, welche einer nüchternen Prüfung des Textes nicht standhalten. Dies liegt vor allem daran, dass das Buch zur Chiffre der Verbrechen geworden ist, die sein Autor zu verantworten hat. Dadurch erhält es das Ansehen einer Bekenntnisschrift, deren Verfasser seine grenzenlose Menschenverachtung und seinen brutalen Vernichtungswillen austobt. Was dann wiederum zur Auffassung führt, man könne es auch siebzig Jahre nach dem Ableben Hitlers nicht verantworten, diesem Autor ein Forum zu bieten für seine Ankündigung der Judenvernichtung.

          Dabei haben namhafte Vertreter der Geschichtswissenschaft schon seit Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass „Mein Kampf“ in dieser Hinsicht überfrachtet wird: Wer in dieser Schrift einen „Masterplan“ zur Judenvernichtung sucht, wird nicht fündig werden, da der Autor sich davor hütete, solche Absichten auszubreiten. Hitler wollte in der Gefängnishaft sein politisches Comeback vorbereiten, und dazu erschien es ihm ratsam, eine Schrift zu verfassen, mit deren Hilfe er auch als Theoretiker der völkischen Bewegung ernst genommen werden konnte.

          Hitler hatte sich bis Herbst 1919 politisch nicht exponiert

          Daher musste er sich mit Blick auf seine schon damals im kleinen Kreis ungeschminkt vorgetragene Vernichtungsabsicht bedeckt halten. Es erzürnte ihn, dass während seiner Haftzeit eine Schrift erschien, deren Verfasser Georg Schott, dem Hitler ungefiltert seine politischen Absichten offenbart hatte, an mehr als einer Stelle ausplauderte, was Hitler seinen politischen Widersachern angedeihen lassen wollte. In der Öffentlichkeit wird „Mein Kampf“ gerne der Status eines alle anderen Quellen in den Schatten stellenden Schlüsseldokuments zugewiesen, das die Fratze des Diktators zeige; selbst manche Historiker, welche die Welt gerne aus einem Text heraus erklären, meinen in „Mein Kampf“ eine derartige Schriftquelle gefunden zu haben. Aber Hitler hat in seinem Buch eben nicht eine den Fakten getreue Lebensgeschichte ausgebreitet, sondern sich eine fiktive Vita erschrieben und sein Leben dabei nach politischen Nützlichkeitserwägungen zurechtgelegt.

          Viele Seiten hat er deshalb auf die Erzählung verwendet, dass er in seinem von 1908 bis 1913 währenden Aufenthalt in Wien ein überzeugter Antisemit geworden sei, der in seinem Buch die Früchte eines fast fünfzehn Jahre währenden autodidaktischen Studiums der „Judenfrage“ einbringen könne. Auf diese Weise wollte Hitler von dem zu unangenehmen Nachfragen Anlass gebenden Umstand ablenken, dass er sich bis zum Herbst 1919 politisch nicht exponiert hatte. An Hitlers politischer Passivität im Treibhaus München in der aufgewühlten Phase von November 1918 bis Mai 1919 ließ sich dann kein Anstoß nehmen, wenn man seiner Selbstbeschreibung Glauben schenkte, dass er zu diesem Zeitpunkt längst zu einem überzeugten Antisemiten herangereift gewesen sei, dem nur ein adäquates politisches Betätigungsfeld gefehlt habe.

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