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„Mein Kampf“-Edition : Für massenwirksam hielt er nur das gesprochene Wort

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Eine literaturwissenschaftlich zentrierte Beschäftigung war überfällig

Aber gelegentlich nehmen sie Hitlers Behauptungen ungeprüft für bare Münze und arbeiten sich mit dem Gestus der Entlarvung an ihnen ab. Dies gilt etwa für die These, dass Hitler in seiner Wiener Zeit vom Wiener Bürgermeister Karl Lueger und vom alldeutschen Veteran Georg von Schönerer politisch geformt worden sei. Doch warum sollte Hitler ausgerechnet in diesem Punkt der Wahrheit die Ehre erwiesen haben, wo er doch ansonsten ein Leben fingierte, das perfekt zu seiner politischen Selbstdarstellung passte? Wenn Hitler mit „Mein Kampf“ den Anspruch erhob, als wichtigster Theoretiker des Antisemitismus im völkischen Lager zu reüssieren, dann durfte er nur solche politischen Lehrmeister anführen, welche die mit den Wiener Verhältnissen nicht wirklich vertrauten Leser erwarteten. Und da waren Lueger und Schönerer Figuren, die aufgrund ihres Bekanntheitsgrads als Mentoren Hitlers einschlägig zu sein schienen.

Hitler konnte durch eine solche Namensnennung von dem Umstand ablenken, dass Schönerer zum Zeitpunkt seines Aufenthalts in Wien längst zu einer politischen Randfigur herabgesunken war und Lueger, dessen Katholizismus ihm fremd blieb, bald das Zeitliche segnen sollte. Und Hitler ersparte sich damit vor allem die unangenehme Nachfrage, warum er sich in Wien nicht dem dort existierenden Vorläufer einer nationalsozialistischen Bewegung unter dem Rechtsanwalt Walter Riehl angeschlossen hatte, wenn er denn wirklich bereits in der Vorkriegszeit zu einem antisemitischen Nationalsozialisten geworden sein wollte.

Die vorzügliche Einleitung der Edition widerlegt gründlich die Ansicht, zu Hitlers Programmschrift wie zum Werden des Politikers Hitler sei schon alles Wesentliche gesagt. So liefert die Edition mehr als nur einige Bausteine, um der Redekultur im politischen Brutkasten München auf den Grund zu gehen. Sie erweist auch, wie überfällig eine literaturwissenschaftlich zentrierte Beschäftigung mit „Mein Kampf“ ist, welche die verschiedenen Textsorten - unter anderem Autobiographie, Bildungsroman und Weltanschauungsschrift - unter die Lupe nimmt.

Hitler im Herrschaftsmodus

Wenn der Historiker zu keinen wirklich belastbaren Aussagen über die Genese des in „Mein Kampf“ ausgebreiteten Ideenkonglomerats kommt, werden dem Literaturwissenschaftler Erzählstruktur und Sprachstil genügen, um Rückschlüsse auf das politische Selbstverständnis Hitlers ziehen zu können. So wird ihm ins Auge springen, dass Hitler fast durchgehend von „Thesen“ spricht, wenn er die fünfundzwanzig „Punkte“ meint, welche die spätere NSDAP in ihrer ersten öffentlichen Massenversammlung am 24. Februar 1920 als ihr Parteiprogramm präsentierte.

Das ist keine Petitesse, weil Hitler damit zwei politische Botschaften aussandte: Zum einen spielte er auf den Thesenanschlag Luthers an: Er erhob damit indirekt den Anspruch, wie Luther durch die Verkündigung von „Thesen“ die Welt aufgerüttelt zu haben. Zum anderen machte Hitler deutlich, dass seine Autorität nicht die eines Schriftgelehrten, sondern die eines politischen Predigers war: Wo Luther - nach damaligem Wissen - seine Thesen als Text an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hatte, war Hitler im Münchner Hofbräufestsaal als jemand aufgetreten, der seine Thesen als gesprochenes Wort unter das Volk brachte. Nicht als alleiniger Autor, wohl aber als autoritativer Verkünder dieser fünfundzwanzig „Thesen“ profilierte sich Hitler in „Mein Kampf“.

Die vorliegende Edition wird für die Forschung zu Hitler und zum Nationalsozialismus eine unverzichtbare Quellengrundlage bilden. Und sollte sie nicht die Überlegung reifen lassen, der Wissenschaft endlich eine historisch-kritische Kommentierung der Reden des zur Macht gekommenen Hitler zur Verfügung zu stellen? Da der redende Hitler immer zugleich ein handelnder Machthaber war, wäre ein solches Projekt die folgerichtige Komplettierung der Edition von „Mein Kampf“. Es würde Wissenschaft wie Öffentlichkeit einen Hitler im Herrschaftsmodus präsentieren.

Hitler: „Mein Kampf“. Eine kritische Edition.
Hrsg. im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte IfZ von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel. München/Berlin 2016. 2 Bde., 1966 S., geb., 59,- €.

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