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„Mein Kampf“-Edition : Für massenwirksam hielt er nur das gesprochene Wort

  • -Aktualisiert am

Geschichtspolitische Entlastung

Vor einer besonderen Herausforderung standen die Herausgeber bei den Referenzen, auf die sich Hitler bei der Anfertigung seines Textes bezog. Denn das Originalmanuskript von „Mein Kampf“ existiert nicht mehr; und auch Konzeptblätter haben sich nur in ganz geringer Zahl erhalten. Hinzu kommt, dass Hitler systematisch Spuren verwischte, wenn er das Urheberrecht für bestimmte Gedankenkonstruktionen für sich allein beanspruchte, während er gerne falsche Fährten legte, wo er politische Ahnen in Anspruch nahm, die sich gegen eine solche Aneignung nicht mehr zur Wehr setzen konnten. Hitler hat sich allem Anschein nach so raffiniert Bausteine und Versatzstücke Dritter angeeignet, dass auch ein „Hitler-Plag“ nicht imstande ist, eindeutig diejenigen Autoren und Textstellen zu identifizieren, die hierfür einschlägig sind. So behilft sich die Edition damit, auffällige inhaltliche Parallelen zu zeitgenössischen Autoren akribisch nachzuweisen, wobei jedoch nur in wenigen Fällen der Nachweis geführt werden kann, dass Hitler solche Autoren wirklich für „Mein Kampf“ ausgeschlachtet hat.

Daher schießt die Edition gelegentlich über ihr Ziel hinaus. Etwa wenn sie allein mit dem Hinweis auf inhaltliche Übereinstimmungen den Führer des Alldeutschen Verbandes Heinrich Claß, zu dem Hitler ein überaus gespanntes Verhältnis unterhielt, implizit zu einem der wichtigsten Ideenlieferanten Hitlers aufwertet. Hier wäre man möglicherweise weitergekommen, hätte man das in der Literaturwissenschaft bewährte Suchen nach intertextueller Anspielung auf Vorgängertexte systematisch herangezogen. Die Kommentare bilden aber nicht nur das wissenschaftliche Herzstück der Edition. Sie dienen auch der geschichtspolitischen Entlastung des gesamten Editionsvorhabens. Denn selbst wenn der verbrecherische Charakter von Hitlers Politik deutlicher als in „Mein Kampf“ in anderen Quellen zu greifen ist, muss eine Edition dieses Buchs Vorkehrungen treffen, um nicht zum unfreiwilligen Sprachrohr Hitlers umfunktioniert zu werden.

Insofern sollen die Kommentare wie ein Gegengift wirken, das den Originaltext neutralisiert. Daher haben die Herausgeber sie typographisch gleichberechtigt neben den edierten Text gestellt, der durch sie von drei Seiten umstellt wird, damit der Leser keinesfalls an ihnen vorbeikann. Sie fungieren als Beipackzettel, dessen Lektüre unvermeidlich sein soll, um sich die Dosis von „Mein Kampf“ zumuten zu können. So berechtigt das Anliegen der Herausgeber ist und so bestrickend ihre Lösung ausfällt, durch aufmarschierende Bataillone von Kommentaren sowohl den an Vertiefung interessierten Fachmann als auch den ohne wirkliche Vorkenntnis ausgestatteten Leser anzusprechen - man konstatiert da und dort einen gewissen Übereifer, der diese Balance aus dem Gleichgewicht bringt. Generell lassen sich die Herausgeber zwar von der Prämisse leiten, dass Aussagen Hitlers über seinen Lebensweg unter dem Vorbehalt stehen, Bestandteil einer konstruierten Lebensgeschichte zu sein.

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