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„Mein Kampf“-Edition : Für massenwirksam hielt er nur das gesprochene Wort

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Das Originalmanuskript existiert nicht mehr

An diesem besonders markanten Beispiel zeigt sich, dass textwissenschaftlicher Sachverstand erforderlich ist, um die Erzählstrategie des Autors Hitler zu entlarven und „Dichtung“ von „Wahrheit“ zu separieren. Dazu bedarf es einer historisch-kritischen Edition, welche den Text akribischer Quellenkritik unterzieht. Für diese anspruchsvolle Aufgabe ist das Münchner Institut für Zeitgeschichte bestens präpariert - auch deswegen, weil dort mit dem Leiter des Editionsteams, Christian Hartmann, ein Experte der Geschichte des Nationalsozialismus angesiedelt ist, der ein vorzüglicher Kenner von Außenpolitik und Kriegsführung ist, die in „Mein Kampf“ breiten Raum einnehmen. Die nun vorliegende zweibändige Edition demonstriert auf fast zweitausend Seiten die Tugenden nüchterner Philologie. Uneingeschränkte Anerkennung verdient die Edition auch deswegen, weil sie sich keine textzentrierte Deutung Hitlers zu eigen macht. Die Herausgeber lassen in ihrer Einleitung keinen Zweifel daran, dass der eigentliche Hitler im gesprochenen Wort zu finden ist.

Auf 1966 Seiten wird der Mythos „Mein Kampf“ wissenschaftlich auseinandergenommen

Insofern ist es kein Zufall, dass der einzige größere Text, den Hitler selbst verfasste - der erste Band von „Mein Kampf“ -, in einer Ausnahmesituation entstand, nämlich im Gefängnis, als an Reden nicht zu denken war. Die Herausgeber weisen mit Recht darauf hin, dass Hitler in „Mein Kampf“ immer wieder die Vorzüge des gesprochenen Wortes gegenüber dem schriftlich fixierten hervorhob und damit die Bedeutung seines Textes selbst relativierte. Aus Hitlers Sicht war die Rede nicht nur hinsichtlich ihrer Massenwirksamkeit dem Text haushoch überlegen. Das ungeschminkte Bekenntnis zur Ermordung der in seinem Machtbereich lebenden Juden hat Hitler nicht einem Text anvertraut, sondern in die Welt hinausgeschrien - am 30. Januar 1939 vor dem Reichstag und damit an die Weltöffentlichkeit adressiert. Und auch die Durchführung dieses Verbrechens hat Hitler durch eine mündliche Ansage eingeleitet: Wer nach einer von Hitler selbst stammenden schriftlichen Anweisung sucht, verkennt den Charakter von Hitlers Herrschaftsstil.

Eine wichtige Einordnung

Damit wird die Bedeutsamkeit von „Mein Kampf“ nicht relativiert. Aber Hitlers Schrift wird in ihre Entstehungszusammenhänge eingeordnet und damit zugleich entmythologisiert. Der wissenschaftliche Ertrag der Edition von „Mein Kampf“ bemisst sich daran, ob die Benutzer mit Hintergrundinformationen versorgt werden, welche die Kontexte ausleuchten. In dieser Hinsicht hat das Editionsteam Unschlagbares geleistet: Schon die schiere Zahl der Annotationen - weit mehr als fünftausend - weist auf eine überaus gründliche Textarbeit hin. Sie wenden sich auch nicht nur, am Buchende versteckt oder in kleiner Type am Seitenfuß untergebracht, an einen kleinen Kreis von Eingeweihten.

Die Edition stellt vielmehr Hitlers Originaltext Kommentare an die Seite, die nicht selten von Umfang und Anspruch her einem Lexikonartikel gleichkommen. Auf diese Weise halten die Leser nicht weniger als ein Kompendium in der Hand, das kein Thema ausspart, welches von Hitler in „Mein Kampf“ verarbeitet wurde. So erhält der Leser etwa reichhaltiges Wissen über Hitlers politische Heimat, die österreichisch-ungarische Monarchie. Auch die Untiefen der völkischen Bewegung der frühen zwanziger Jahre werden ausgeleuchtet, wie überhaupt die Kommentare zur Frühgeschichte der NSDAP die Forschung befruchten, weil sie auch auf der Auswertung bislang wenig herangezogenen archivalischen Materials beruhen.

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