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Serie: Mein Fenster zur Welt : Wer ohne Maske ist, wählt Trump

  • -Aktualisiert am

Taube fliegen über die menschenleere 5th Avenue Bild: Imago

Wenn die eigentlich vernünftige Maßnahme zum Talisman wird: Wie wird New York wohl aussehen, wenn die Corona-Krise ausgestanden ist?

          3 Min.

          Auf der anderen Straßenseite stehen Bäume. Die Blätter scheinen heller als letztes Jahr, ihr Grün frischer und gesättigter – man sieht ihnen an, wie sehr sich die Luft verbessert hat. Hinter ihnen läuft in perspektivischer Verkürzung die Wooster Street, einst Namensgeber der wichtigsten Avantgarde-Theatergruppe des Landes, nach Süden. Weiter hinten ragen zwei Hochhäuser auf: links ein aus Würfeln geformter Turm von Herzog & de Meuron, der so fragil aussieht, dass man unwillkürlich überrascht ist, dass er tatsächlich stehenbleibt. Rechts strebt das World Trade Center in den Frühlingshimmel, herausfordernd und vor allem breit wie eine Festung. Die Sicherheit hatte beim Design am Ende über die Eleganz triumphiert.

          Der Frühling ist mit Wucht über New York gekommen. Die Menschen gehen mit federnden Schritten, man kann gar nicht anders bei diesem Wetter. Aber alle tragen sie Masken. Wer die Podcasts deutscher Wissenschaftler hört, erfährt, dass es kaum möglich ist, sich beim Gehen auf der Straße anzustecken, und dass es reichen würde, die Masken im Supermarkt und in der U-Bahn anzulegen, aber in New York ist die Maske zum generellen Erkennungszeichen derer geworden, die sich als vernünftige Menschen zeigen möchten; wer ohne Maske ist, gibt sich schon fast als Trump-Supporter zu erkennen. Gestern, als meine Frau, mein Sohn und ich um neun Uhr abends die menschenleere Fifth Avenue hinaufgingen, schrie uns eine Frau aus der Ferne hinterher, wir sollten gefälligst unsere Masken anziehen. Die Dialektik der Aufklärung: Was als vernünftige Maßnahme beginnt, wird schnell zum Talisman. Sogar unsere Nachbarn Mark und Anita tragen Masken – und beide hatten sie das Coronavirus, Mark war sogar im Krankenhaus.

          Vor einigen Wochen hörte man noch häufig die Sirenen der Rettungswagen, aber diese Zeit ist vorbei, jedenfalls in Lower Manhattan. Die mittlerweile sprichwörtliche Kurve ist gefallen, jetzt fühlt sich die Stadt vor allem leer an. Viele Professoren in unserem New-York-University-Wohnhaus haben sich in ihre Sommerhäuser zurückgezogen (plötzlich stellt sich heraus, dass fast jeder Professor ein Sommerhaus hat, und wenn nicht ein eigenes, dann das irgendeines Verwandten), die Studenten sind wieder bei den Eltern, zum Unterricht wie auch privat kommt man auf Bildschirmen zusammen. Vor Morton Williams, dem Supermarkt auf der anderen Straßenseite, muss man sich zu keiner Tageszeit anstellen, der Andrang ist gering. Wer aber einen Becher Kaffee möchte, wie man ihn hier vor kurzem noch alle zehn Meter bekommen konnte, muss schon eine Weile suchen; zwei Monate lang war fast alles geschlossen, mittlerweile haben einige wenige Cafés wieder geöffnet.

          Auf diesen leeren Straßen werden einem zwei Dinge zugleich klar, und sie widersprechen einander. Erstens: New York ist sehr beschaulich, wenn es leer ist. So sieht es auf Bildern aus den sechziger Jahren aus, so muss es überhaupt in vielen Großstädten gewesen sein, bevor wir uns an die ständige Präsenz von Menschenmassen gewöhnt haben. Zweitens: So viel Beschaulichkeit ist trist. Plötzlich gibt es in der Hauptstadt der Welt nichts zu tun: kein Theater, kein Kino, keine Gesellschaft. Im Auto steht man nicht mehr im Stau und findet einen Parkplatz, wo immer man will.

          Zweimal Epizentrum

          Aus der Stadt, die nie schläft, ist die Stadt geworden, die auch tagsüber kaum aufwacht. Am Times Square flackern noch die Leuchtreklamen, aber so ungesehen wirken sie einsam. Zweimal in diesem Jahrhundert war New York Epizentrum einer Weltkatastrophe, die eine donnernd laut, die andere schleichend und geräuschlos. Diese zweite hat jetzt schon mehr Opfer gefordert als die erste. Als damals die Türme gefallen waren, begann der sogenannte Krieg gegen den Terror, und für lange Zeit konnte so gut wie alles mit dieser Formel gerechtfertigt werden – der Patriot Act wurde verkündet, Guantánamo gebaut, die NSA begann die umfangreichste Überwachungsoffensive der Geschichte, und die Vereinigten Staaten marschierten zuerst in Afghanistan und dann im Irak ein.

          Der Schriftsteller Daniel Kehlmann

          Acht Jahre lang versuchte Barack Obama, das Gefängnis in Guantánamo wieder zu schließen, aber da es nun einmal da war, war der Schritt zurück nicht mehr möglich, und dieser Ort der unverstellten Rechtlosigkeit steht noch heute. Was, so fragt man sich unwillkürlich, werden die Folgen der leisen Katastrophe der Pandemie sein, was wird man in Zukunft rechtfertigen mit dem Schutz der Gesundheit, mit dem Kampf gegen Erreger? Gleich, um sieben Uhr, werden sich die Fenster öffnen, und man wird von allen Seiten Klatschen, Jubeln und Trommeln hören – mit diesem Lebenszeichen von Millionen feiert die Stadt jeden Tag den Einsatz der Ärzte und Pfleger in den Krankenhäusern, und dieser Moment ist es auch, der einen zuverlässig daran erinnert, dass es immer noch Menschen gibt hinter all diesen Fenstern.

          Für viele von ihnen wird es bald schwer sein, hier ihren Lebensunterhalt zu verdienen. New York wird wohl die Hauptstadt der Welt bleiben, aber ist kaum möglich, vorherzusagen, wie es dann aussehen wird: Bringt die Seuche die längst überfällige allgemeine Krankenversicherung oder vielmehr Verelendung in noch unvorstellbarem Ausmaß? Um über all das nicht nachdenken zu müssen, gehe ich sechs Stockwerke hinunter und hinaus in die klare Luft des Frühlingsnachmittags. Die Maske trage ich in der Tasche wie ein Amulett, und wenn mich jemand dazu auffordert, setze ich sie natürlich auf.

          Von Daniel Kehlmann, Jahrgang 1975, erschien zuletzt der Roman „Tyll“ (Rowohlt).

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