https://www.faz.net/-gr0-9yx2x

Serie: Mein Fenster zur Welt : Sehen, wie der Tag aufsteht

  • -Aktualisiert am

Warten, bis der Tag aufsteht: Blick aus dem Fenster von Andrzej Stasiuk Bild: privat

Meinen sechzigsten Geburtstag wollte ich eigentlich irgendwo einsam in der Steppe feiern. Mit einem lodernden Feuer. Jetzt muss ich zu Hause bleiben. Am Fenster. Und nach Osten schauen.

          3 Min.

          Als ich einen Ort suchte, wo ich mir eine kleine Werkstatt bauen wollte, suchte ich vor allem nach einer Aussicht. Ich fand sie auf einer Anhöhe hinter dem Haus in den Beskiden, in dem wir wohnen. Wenn ich mich hinsetze, um zu arbeiten, sehe ich durch das breite Fenster ein Tal, das in der Ferne vom bewaldeten Gipfel des Uherec abgeschlossen wird. Eine einsame alte Esche beherrscht die Landschaft. Es ist, als habe sie schon immer hier gestanden. Bebauung sieht man keine. Fast nie tauchen hier Menschen auf. Manchmal Tiere. Nachbars Kühe, meine Schafe, Rehe. Einmal sah ich im Morgengrauen, wie ein Wolf einsam und schnell vorüberglitt.

          Die Unveränderlichkeit, die Unbewegtheit der Landschaft wirkt ein wenig wie die irdische Version der Ewigkeit. Die Jahreszeiten wechseln, das Licht und das Wetter. Heute sind in der Nacht einige Zentimeter Schnee gefallen. Der Nordwind treibt weiße Wolken vor sich her. Aber es ist April, die Sonne bricht durch die Wolkendecke, und in wenigen Stunden wird das Weiß verschwunden sein. So ist es das ganze Jahr über.

          Nicht die Schuld der Welt

          Die scheinbar unbewegte Landschaft verändert sich ständig. Es gibt keine zwei Morgen, die einander gleichen, keine zwei Abenddämmerungen, die identisch wären. Nur mangelnde Aufmerksamkeit, nachlassende Wachsamkeit oder Faulheit bewirken, dass ich eine Art Langeweile verspüre. Aber das ist nicht die Schuld der Welt, die wie eine Schlange ständig ihre Haut wechselt. Das breite Doppelfenster geht nach Osten. Das ist sehr wichtig: Sehen, wie der Tag aufsteht. Wie alles beginnt. Wie das Licht aufsteigt, wie es hinter der Rundung der Erdkugel aufsteht. Sogar an bewölkten Wintertagen. Sogar dann sieht man einen grauen Schein, der aus dem Dunkel nach und nach Formen herausarbeitet. Die Rücken der Hügel, die Konturen des Waldes, einzelne Bäume. Ja. Sogar mitten im dunklen Winter. Aber jetzt beginnt der Frühling, und das Licht nimmt zu.

          Hinter dem Uherec steht es auf und kommt hervor – erst purpurn, rot, als würde sich das Augenlid der Welt öffnen. Dann golden, immer höher, und die Dinge beginnen schwarze Schatten zu werfen. Jedes Detail, jeder Halm des Grases vom Vorjahr wirft einen Schatten. Die Klinge des Glanzes rückt vor und lässt den Rauhreif verschwinden. Auch abseits dieses unvollkommenen Pantheismus, den ich hier auszudrücken versuche, ist es gut, ein Fenster gen Osten zu haben, denn man steht dann früher auf. In einem bestimmten Alter bemerkt man, dass das Leben eben doch weniger wird, aber man kann diesen Verlust etwas ausgleichen, indem man sich den Tag verlängert. Ich trinke den ersten Kaffee und warte, bis hinter dem bewaldeten Rücken die Sonne aufsteht.

          Ihre orangefarbene Scheibe steigt langsam empor, majestätisch; aber wenn einem die Geduld ausgeht, kann man bemerken, wie sie sich bewegt. Sie taucht aus dem dunklen Wald empor und beginnt, in einem sanften, aufsteigenden Bogen nach rechts, nach Süden zu rollen. Sie beleuchtet die unveränderliche Landschaft und verwandelt sie zugleich. Sie formt Schatten, treibt die Vegetation an, lockt die Vögel zur alljährlichen Balz. Die Buchfinken, blau-rote Flammen, die Zeisige wie goldene Blitze, die pechschwarzen Amseln.

          Wenn es wärmer wird, verlege ich meine Schlafstelle auf die Veranda, die auch nach Osten geht. In den Schlafsack vergraben, werde ich im Morgengrauen warten, bis der Sonnenschein mich wärmt. Ich werde mir vorstellen, die Sonne wecke mich in der Steppe. Oder irgendwo in der Wüste Gobi. Seit Jahren bin ich fast jedes Jahr im Sommer nach Osten aufgebrochen. Ich bepackte einfach mein Auto und fuhr im Morgengrauen los, um nach acht bis zehn Tagen in der westlichen Mongolei mein Lager aufzuschlagen. Oder auf dem Altai. Oder im Pamir. Oder eben in der Gobi.

          Ohne die  Einöden auskommen

          In diesem Jahr sieht es ganz danach aus, dass ich nicht fahren werde. Wir alle werden dieses Jahr bestimmte Reisen nicht antreten können. Ich hatte geplant, irgendwo dort im Osten ein Feuer zu entfachen und einsam meinen sechzigsten Geburtstag zu feiern. Ich gebe zu, eine ziemlich ausgefallene Idee. Aber ich habe schon Dutzende Male in wunderschönen Einöden Feuer gemacht. In der Steppe, zwischen Felsen, in den Schleifen der Flussläufe, an Seen, wo weder ein Segel noch ein Haus zu sehen war, soweit das Auge reichte. Dort entfachte ich mit dem Holz, welches das Wasser an Land geschwemmt hatte, oder mit Kamelmist ein Feuer, saß daneben, und dann kroch ich in den Schlafsack und schlief ein. Am Morgen weckte mich die Sonne. In Zentralasien beim Feuer auf dem Boden zu schlafen, das ist, ehrlich gesagt, mein liebster Zeitvertreib. Sie können davon halten, was Sie wollen. Jedenfalls wird mir das fehlen in diesem Jahr.

          Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk 2004 in Leipzig

          Aber es gibt immer noch das Fenster nach Osten. Den Bildschirm der Welt. Ich blicke hinaus, durch die unbewegte Landschaft, durch die Gegenwart, und sehe Bilder, die ich schon einmal betrachtet habe. Heute am Morgen ist das Licht silbrig und zerstreut, und ich stelle mir vor, mein Blick könne entfernte Orte erreichen, an denen mich einst Begeisterung überkam.

          Ich bin sicher, dass sie sich nicht verändert haben, denn sie bestanden vor allem aus einer überwältigenden Leere. Ich bin sicher, dass ich, indem ich sie mir vorstelle, in Wahrheit auf sie schaue, durch den silbrigen Schein des Morgens. Ich schaue auf alles, was früher geschehen ist. Vielleicht schaue ich auf mein ganzes Leben, das doch in dieser unbewegten Landschaft zerflossen und zu einem unsichtbaren Teil dieser Landschaft geworden ist. Wie ein Tropfen Wasser Teil des Ozeans wird. Um das zu sehen, braucht man ein Fenster. So scheint es mir.

          Weitere Themen

          Die Ruhe vor dem Turm

          Attersee in Österreich : Die Ruhe vor dem Turm

          Am Attersee in Oberösterreich steht ein Zehnmeterturm. Auch wenn der sehr schön ist – der Rückwärtssalto von ganz oben kostet trotzdem viel Überwindung. Zum Glück kann man in der Nähe die Höhenangst bekämpfen.

          Das gelbe Fieber

          Goldrausch in der Sahara : Das gelbe Fieber

          Ein Goldrausch hat die Sahara erfasst: Die Goldsucher riskieren Leben und Gesundheit, die ökologischen Schäden sind irreparabel. Und die Profite gehen an Milizen, kriminelle Netzwerke – und an korrupte Beamte und Politiker.

          Topmeldungen

          Unter Korruptionsverdacht : Früherer König Juan Carlos verlässt Spanien

          In einem Brief teilt der ehemalige spanische Monarch seinem Sohn mit, dass er das Land verlassen will. Juan Carlos ist in einen Finanzskandal verstrickt. Mit dem Schritt erspart er Felipe VI. eine schwere Entscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.