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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Es wird weniger gemordet

  • -Aktualisiert am

Zynischer Geist: Der kolumbianische Schriftsteller Fernando Vallejo Bild: AFP

Oh wie schön ist Corona: Bei so viel Stille schlafe ich besser, das Morden auf den Straßen hat aufgehört und im Supermarkt sind alle sehr nett zu mir.

          3 Min.

          Heute lese ich in meiner häuslichen Quarantäne, kaum dass ich erwacht bin, die morgendlichen Schlagzeilen in Kolumbien, und da sieh mal einer an, was ich finde: „Aufgrund der Corona-Krise erklärt die Nationale Befreiungsarmee ELN einen einseitigen Waffenstillstand.“ Sagt mir doch, ob wir nicht in einer Zeit der Wunder leben! Die Befreiungskämpfer, die mehr als eine Million Menschen auf dem Gewissen haben, kündigen an, dass sie nicht mehr töten werden. Wie kann man denn da das Coronavirus nicht wunderbar finden! Es hat geschafft, was weder unserem Friedensnobelpreisträger Santos bei den Verhandlungen in Havanna noch unserem aktuellen Präsidentchen gelungen ist. Wie könnte ich das Coronavirus nicht mögen!

          Nachts pinkeln vom Wodka

          Aber gut, lassen wir das. Ich gehe zum Supermarkt, um zu schauen, was sich finden lässt. Ich brauche Bananen, weil mein Kalium niedrig ist, da ich nachts so viel pinkeln muss von dem ganzen Wodka, den ich vor lauter Angst trinke. Entweder muss ich den Wodka- und den Angstspiegel senken oder den Kaliumspiegel erhöhen. Ich wohne in Laureles, einem wohlhabenden Viertel von Medellín, obwohl ich arm bin, aber ich werde euch die Adresse nicht verraten, damit ihr nicht auf die Idee kommt, mich nachts zu wecken, um ein paar Selfies mit mir zu machen und die Quarantäneregeln zu verletzen. Was ich euch sagen kann, ist, dass mein wunderschönes weißes Haus einen halben Block von der Avenida Nutibara entfernt liegt, wo nachts ein Höllenverkehr herrscht, der mich nicht schlafen lässt, der aber jetzt wegen der Quarantäne verstummt ist.

          Das letzte Hundenest

          Was soll am Coronavirus nicht schön sein? Bei so viel Stille schlafe ich besser. Aber es wächst auch meine Unruhe aus lauter Angst davor, dass die Pandemie das Menschengeschlecht auslöscht, das doch bis heute gegenüber allen Viren so widerständig war, und dann wache ich verstört auf. Bei so viel Stille kann ich nicht schlafen. Dieses Coronavirus wird noch dem letzten Hundenest den Garaus machen, wie meine Großmutter zu sagen pflegte! Ach was, meine Brusca schläft doch bei mir, und sie ist keine Hündin, sondern ein Engel: einer, der Fleisch frisst, im Gegensatz zu mir. Ich muss doch schlafen!

          Vor zwei Tagen, bei voller Pandemie und voller Quarantäne, bin ich um sieben Uhr morgens zum Supermarkt, den sie dann extra für uns Alte öffnen. Wenig Publikum. Ich fühlte mich fast wie zu Hause. Was soll am Coronavirus nicht schön sein? Früher gab es kein Durchkommen im Supermarkt bei all den Bonzen auf Delikatessenjagd. Und heute: eine alte Frau und zwei alte Männer, einer davon ich. „Guten Morgen“, grüßt mich (ganz ungewohnt) eine Angestellte mit Mundschutz beim Reinkommen. „Na da schau her, wie freundlich die heute alle sind“, dachte ich. Und sofort führte mich die freundliche junge Dame zu den Einkaufswagen und desinfizierte mir den Griff mit einem Spray. „Desinfiziert ihr auch die Bananen, die jeder angreift, um zu sehen, ob sie schon reif sind?“ „Nein, die nicht.“

          Aber das war vor ein paar Tagen. Reden wir über das Heute, nur das zählt, denn dank des Coronavirus leben wir in der Gegenwart und nicht mehr wie vorher in der Vergangenheit. Das Coronavirus ist gut: Es hat die Vergangenheit Kolumbiens gelöscht. Kein Aufwärmen der Erinnerung mehr, für die mit so vielen Zahlen und Nummern für so viele Dinge und so vielen Abkürzungen mit Nummern und Buchstaben nicht mal die Hirnfestplatte von Funes ausreichen würde, dem Gedächtniskünstler von Borges.

          Die Regale sind leer

          Ich nehme mir einen Einkaufswagen und stürze mich in die Gänge des Supermarktes mit seinen gutgefüllten Regalen. Hier ist es nicht wie in Venezuela, wo alles leer ist, oder wie in den Vereinigten Staaten, wo es genauso aussieht, weil die Leute dort Geld haben dank ihrer Finanzspekulationen oder der Geschenke der Regierung, die in Amerika die große Druckmaschine in der Dampfpresse der Notenbank laufen lässt. Hier nicht. In Kolumbien gibt es keine Hamsterkäufe, weil niemand Geld zum Einkaufen hat.

          Und wenn das Volk irgendwann, von der Quarantäne erdrückt, die Supermärkte plündert? Ach, dann werden sie eben für heute zu essen haben, aber nicht für morgen, aber daran sind sie gewöhnt: von Tag zu Tag zu leben. Das Coronavirus betrifft die Armen nicht. Ebenso wenig die Quarantäne. In den Armenvierteln von Medellín (wo neunzig Prozent der Einwohner der Stadt leben) kochen sie sonntags weiter ihre Hühnereintöpfe auf dem Gehweg vor den Häusern und spielen Fußball auf der Straße. Dank der Quarantäne und der leeren Straßen hat das einfache Volk endlich wieder Platz, vor dem Haus zu kicken. „Señorita“, fragte ich heute eine Angestellte im Supermarkt, „wo finde ich die Bananen?“ „Bananen sind aus“, antwortete sie mir. „Und die Kochbananen?“ „Die sind auch aus.“ „Und der Wodka?“ „Steht da drüben“, deutete sie auf ein volles Regal.

          Wodka zum Überleben

          Solange es Wodka gibt, was kümmert es mich, ob es Bananen auf der Welt gibt! Drei Flaschen habe ich eingepackt. Ich mag meinen Nächsten, den Tieren, ein guter Mensch sein, aber mein Geist ist der eines Hamsterkäufers. Ich bin so froh über das Coronavirus und gehe nach draußen, wann immer es mir in den Sinn kommt. Mich hält die Polizei nicht an – ich bin ja ein altes Männlein. Und falls ich es nicht wäre, dann auch nicht. Wohin soll man denn all die Festgenommenen stecken, die gegen die Quarantäne verstoßen? Sollen sie doch einfach alle Verbrecher Kolumbiens freilassen, wie man es mit den ausgestorbenen Guerrilleros der Farc gemacht hat. Oder sie unter Hausarrest stellen wie unser Präsidentchen, das wegen der Quarantäne auch nicht aus dem Haus darf, nicht mal zum Einkaufen. Er ist der unglücklichste Gefangene Kolumbiens. Ein hundertprozentiger Gefangener. Das Coronavirus wird uns den gesellschaftlichen Frieden bringen.

          Aus dem kolumbianischen Spanischen von Benjamin Loy.

          Von Fernando Vallejo, Jahrgang 1942, erschien zuletzt der Roman „Blaue Tage“ bei Suhrkamp.

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