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Serie: Mein Fenster zur Welt : Nachts werden die Züge zu Pfeilen

  • -Aktualisiert am

Ausreisegedanken: Blick aus dem Fenster von Eva Sichelschmidt Bild: privat

In den letzten Wochen sind die Züge seltener geworden, die Menschen auf den Bahnsteigen sind fast alle verschwunden. Was war das Reisen doch für ein schöner Ausblick.

          3 Min.

          Seit mein Großvater tot ist, wünsche ich mir eine Modelleisenbahn. Eine Platte mit grünen Hügeln, ganzjährig blühenden Rabatten und gewundenen Landstraßen aus schwarzem Krepppapier. Mit Minaturmenschen, die ihre Reisekoffer auf dem Bahnsteig abgestellt haben und, zeitlos und regungslos, auf die Ankunft der nächsten Bahn warten. Wenn ich an die leise surrenden Lokomotiven auf den schmalen Plastikschienen denke, kann ich den Leim riechen, mit dem mein Großvater und ich vor vierzig Jahren den Bahnhof von Baden-Baden zusammensetzten. Ich sehe uns mit Pinzetten und feinen Pinseln hantieren. Was gäbe ich für einen Tag gemeinsam mit ihm am Schaltpult der Gleisanlage, ihm das Werkzeug anzureichen und dabei seine schönen Großvaterhände mit den schlanken Fingern zu betrachten, wie sie geschickt den Lötkolben über die Schaltstellen führen. Er würde heute zur Gruppe der am meisten Gefährdeten gehören.

          Unsere Wohnung liegt in Charlottenburg, zwischen der Kantstraße und dem Kurfürstendamm, am westlichen Ende, dort wo den Altbauten das Herrschaftliche abhanden kommt, die leuchtenden Kandelaber und roten Läufer aus den Treppenhäusern verschwunden sind. Es war Begeisterung, gleich bei der ersten Wohnungsbesichtigung. Sie war mir sofort aufgefallen, beim Blick aus dem Fenster des Balkonzimmers: Da war sie, meine Modelleisenbahn, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Hinter den geduckten Siedlungshäusern auf einem Wall vor einem stillgelegten Parkhaus. Von hier oben, aus dem dritten Stock hat sie die ideale Spurbreite, nicht Lilliput, nicht Spur Z, sondern H0 - genau die Größe der Züge in den Vitrinen meines Großvaters.

          Kathrin Wehlisch

          Kathrin Wehlisch liest : Nachts werden die Züge zu Pfeilen

          Blicke aus dem Buch

          Meine Spielzeugbahn verkehrt in gleichbleibender Regelmäßigkeit, sie durchquert im Minutentakt die Bibliothek. Sie saust über die Bücherreihen von links nach rechts und umgekehrt, etwa in der horizontalen Mitte des großen Fensters. Ich sitze meinem Mann im Rücken, im Berliner Zimmer, und schaue von meinem Tisch durch die Zimmerflucht an seinem Bürostuhl vorbei auf die Züge. Die S-Bahn, der Interregio und der ICE gehören zu unserem täglichen Anblick. Nachts, in der Dunkelheit, werden die Züge zu leuchtenden Pfeilen. Blicke ich vom Blatt oder dem Buch auf, denke ich an die Reisenden. An die Menschen, die jetzt noch unterwegs sind.

          Die Sonne scheint. Ich würde gern vom Balkon in einen dieser Züge springen. Wegfahren ohne Ziel. Meine Butterbrote auspacken, die Thermoskanne öffnen, Musik hören und davon träumen, an einem unbefestigten Ufer zu baden. In der Tschechischen Bahn bekam man auf Verlangen ein gebratenes Spiegelei serviert, oder Sauerbraten mit Böhmischen Knödel, heiß aus der Küche des Speisewagens. In den letzten Wochen sind die Züge seltener geworden, die Menschen auf meiner Eisenbahnplatte sind fast alle verschwunden. Eine Riesenhand muss sie eingesammelt und in die Watte zurückgelegt haben. Ja, jetzt sitzen wir alle in unseren Schachteln, Menschen jeder Berufsgruppen im Hausarrest. Nur noch ein paar wenige, die Sanitäter, Feuerwehrleute und die Frauen vom Ordnungsamt gehen dort draußen herum. Den ein oder anderen Hundehalter und die Joggerin, sieht man noch zwischen den Schuco-Autos, all dem Blechspielzeug das nun sinnlos die Straßen säumt. Der Spielplatz ist geschlossen, im Park patrouillieren Polizisten hinter den Buchsbaumhecken aus Weichgummi. In meinem umgekehrten Fernglas sehe ich sie riesengroß vor dem Horizont. Bald schon werden alle Männchen dort draußen einen Mundschutz tragen. Prognostizieren ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, ich kann in die Glaskugel schauen.Ich sehe die Grenzen der Gemeinschaft und spüre zugleich die Tyrannei der Intimität auf engstem Raum.

          Mein Fenster zur Welt

          Bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der ganzen Welt schauen für uns aus dem Fenster und beschreiben, wie das Virus ihr Land verändert.

          Zur Serie

          Social Distancing, Kontaktverbot resultierend in einer kulturellen Steppenlandschaft, einer abgestorbene Infrastruktur, einer Nachbarschaft so farblos wie vertrocknete Äste.Im Frühling wird unsere Seele frieren, der Sommer wird uns mit seiner Hitze erschlagen und im Herbst werden wir immer noch nicht genesen sein. Ehrgeizige Modelleisenbahner bemühen sich um einen Realismus der Jahreszeiten, basteln an Winterlandschaften auf ihrer Platte und an der Atmosphäre von Kurorten im Sommer. Ich erinnere mich an Gebirgsszenen und an kleine Dörfer in der Abenddämmerung. Mein Großvater baute damals an einem immer währenden Tag, man sah jede Staubfluse zwischen den Gleisen. Noch scheint die Sonne unbeschwert, so wie in jedem Frühjahr, doch meine Gedanken sind schwarze Wolken. Sie bleiben auf dem Teppich und im Rahmen des Fensters. Wohl dem der eines hat. Wir sind im Zimmer eingesperrt. Reisen, was war das für ein schöner Ausblick!

          Von Eva Sichelschmidt, geboren 1970, erschien zuletzt „Bis wieder einer weint“.

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