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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Kuckucksuhren in einer vakuumkranken Welt

  • -Aktualisiert am

Schriftstellerin Valerie Fritsch Bild: privat

Draußen verschwinden die Wimmelbilder, drinnen vergehen die Stunden noch eigenwilliger als sonst. Und eine alte Frau führt ihren Hund vom Balkon aus Gassi.

          3 Min.

          Auf meinem Schreibtisch liegen ein Pferdeschädel, knochiges Souvenir einer langen Reise, und Brehms Tierleben in dreizehn Bänden. Vor den Fenstern steht ein wunderlicher Kirschbaum, der zeitversetzt zweifarbig blüht, einer merkwürdigen Eigengesetzlichkeit folgend, in der die weiße Seite die rosafarbene überholt, ihr voraus wächst, so dass, während eine Hälfte schon in Blüte steht, die andere noch dürr und schwarz ist: Regelwerk einer widersprüchlichen Pracht. Draußen ist die Welt vakuumkrank, die Plätze entvölkert, das Verschwinden der Wimmelbilder legt eine neue Architektur der Leere frei. Die Menschen sind in den Häusern und müssen sich daran gewöhnen, dass das Richtige zu tun auf den ersten Blick so unspektakulär aussieht und das Heldentum dieser Tage für die meisten nicht aus großen Taten, aber kleinen Unterlassungen besteht.

          Viele haben sich eine Katastrophe, der man sich nicht entziehen kann, anders vorgestellt, nur jene, die auf den Schauplätzen und Knotenpunkten denselben Dienst schieben, wissen es besser. Die einen üben den Stillstand, die anderen die Hochgeschwindigkeit. Sorgen haben alle, vielgestaltige. Die Zäsur dieser Tage bringt unbefriedigende, verwirrende Gefühle mit sich, es fehlt jene beruhigende Form der Klarheit, die einen sagen ließe, nichts sei wie zuvor, denn auch wenn einiges anders ist, ist doch vieles gleich geblieben. Die Welt ist verwandelt in den Einzelheiten, aber sich selbst noch hinreichend ähnlich. Man verlässt sich auf Experten und aufs Ungewisse, strickt an der nähesten Zukunft, verliert die Vorhersagen wie Luftmaschen. Ob man will oder nicht, ist man Teilnehmer eines großen Experiments.

          Häuser wie Kuckucksuhren

          Auch die Uhren scheinen anders zu laufen, man möchte fast meinen, die Stunden verhalten sich noch eigenwilliger als sonst. Selbst die Marienerscheinungen organisieren sich um, sind in einer Art Kurzarbeit, erscheinen nun nur mehr einmal im Jahr statt monatlich in Medjugorje. Jeder Einzelne arbeitet sich ab an dieser Ungefügigkeit von Zeit, die nicht mehr von den fremden Regeln und eigenen Gewohnheiten eines hundsgemeinen Alltags getaktet wird, aber noch einmal verhandelt, mal als Ewigkeit und mal als Wimpernschlag daherkommt in diesen neu aufgesetzten Tagen. Man fremdelt mit und verliert sich in ihr, und sie kann einem Streiche spielen, die man nicht immer lustig findet. Wie Kuckucksuhren kommen mir die Häuser vor, aus deren Türen einmal am Tag Menschen in die leere Welt hinaustreten, um spazieren zu gehen, Luft zu schnappen, und sich selbst anzeigen, dass es Zeit geworden ist.

          Schwere Stunden: Blick aus dem Fenster von Valerie Fritsch

          An den Redeweisen bemerkt man die Veränderungen, man kramt selten gebrauchte Wörter aus der Sprache hervor, neue Begriffe und Phrasen. Durchseuchung und Quarantäne, Herdenimmunität und Social Distancing sind von heute auf morgen Teil des Vokabulars geworden. Hundertmal am Tag hört man, dass Leute sich selbst isoliert haben, im Fernsehen sagt man zum Abschied nun „Halten Sie Abstand“, und in offiziellen Schreiben grüßt man sich am Ende nicht mehr freundlich, sondern wünscht einander, gesund zu bleiben. Während den einen in Anbetracht einer ernsten Lage eine neue Innigkeit ins Herz fällt, schärfen andere ihre sprachlichen Messer. Vor dem empörten Denunziantentum, der Besessenheit der Erweckten kann man sich fürchten, in ihrer Angst oder ihrer Überheblichkeit strafen sie Mitmenschen für Fehler, Unvorsichtigkeiten oder bloß andere Meinungen ab, als gäbe es etwas zu gewinnen. Das Gefühl von Macht und Ohnmacht liegt nah beieinander. Ausnahmesituationen sind Förderanlagen, sie bringen das Schlechte und das Schöne in den Menschen zutage, und von beidem gibt es mehr als genug.

          Die Zeit verspricht durch ihre dynamische Veränderung Leerstellen und somit Beweglichkeit in ihrer Gestaltung, und so hagelt es wilde Ideen. Manche sind gut, manche sind schrecklich, die meisten scheitern am eigenen Überschwang und daran, dass sie nicht funktionieren können. Es wäre ein guter Augenblick für kluge, umsichtige Gedanken, resiliente, möglichkeitsreiche Anpassungsleistungen, während die Ideologen nur ihre Chance auf radikale Kehrtwenden wittern. Die einen warten auf den starken Überwachungsstaat, die anderen auf eine Utopie aus Luft und Nächstenliebe. Mancherorts schallt der Abgesang auf den Kapitalismus gar so euphorisch, als wäre mit dem Lockdown bereits eine neue alternative Wirtschaftsform erfunden worden, als wäre alles, was bis jetzt zur Rettung der Welt gefehlt hat, schlicht eine Katastrophe gewesen.

          Liebevoll an der Leine

          Am liebsten aber mag ich berufsbedingt die skurrilen Bilder, die beherzten Eigenartigkeiten, die inmitten des Chaos entstehen: Ich habe das Video einer älteren Dame gesehen, die es mit der Ausgangssperre so genau nimmt, dass sie ihren kleinen Hund vom ersten Stock eines großen Hauses aus Gassi führt und, ist der Spaziergang beendet, liebevoll an der Leine wieder hochzieht, als würde sie einen Fisch einholen. Das ist schön.

          Von Valerie Fritsch, geboren 1989, erschien zuletzt der Roman „Herzklappen von Johnson & Johnson“.

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