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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Jetzt nicht über Projekte sprechen!

  • -Aktualisiert am

Blick aus dem Fenster von Jean-Philippe Toussaint Bild: privat

Wenn alle Veranstaltungen abgesagt werden und niemand da ist, mit dem man sich ablenken kann, dann bleibt nur noch der schwere Gang zum Schreibtisch. Und hin und wieder ein Blick aus dem Fenster hin zu den Enten.

          1 Min.

          Anfang des Jahres 2020 habe ich fünf Wochen alleine in Ostende zugebracht. Ich war ganz in die Arbeit vertieft, ohne Kontakt zur Außenwelt, um meinem neuen Roman den letzten Schliff zu geben. Ohne es zu wissen, mit einem siebten Sinn für das, was kommen würde, befand ich mich schon in totaler Quarantäne.

          Wieder in Brüssel angekommen, ging ich davon aus, die nächsten Monate in der weiten Welt herumzureisen. Auf dem Programm standen fünf oder sechs literarische und künstlerische Veranstaltungen, dann war eine Ausstellung im Museum der Schönen Künste von Arras vorgesehen, eine Veranstaltung in einer neapolitanischen Universität, ein Kolloquium in Rom und schließlich, als Höhepunkt, die Teilnahme an einem internationalen Kolloquium „Toussaint und Asien“, das für Chongqing geplant war.

          Zusammengefallenes Kartenhaus

          Natürlich wurde als erstes, gleich Mitte Februar, das chinesische Kolloquium wegen der Coronavirus-Krise abgeblasen. Dann ist nach und nach alles zerbröckelt und wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Alles, wirklich alles ist abgesagt worden, untätig saß ich in Brüssel in meinem Arbeitszimmer, wo ich normalerweise nicht schreibe. Ich habe überlegt, was ich in den nächsten Monaten wohl tun könnte und habe ein sehr altes Projekt wieder angepackt. Doch einmal mehr schien sich die Regel zu bewahrheiten, die ich für mich noch nie so klar formuliert hatte, deren Stichhaltigkeit mir aber schon oft einleuchtete; sie besagt, dass die Chance, ein Projekt erfolgreich zu Ende zu bringen, in umgekehrtem Verhältnis zu der Zeit steht, die man vorher darüber geredet hat.

          Aus dem einfachen Grund, so scheint mir, weil, wenn man schon alle erdenklichen Freuden eines Projekts in der Zeit vor seiner Verwirklichung genossen hat, im Moment seiner Realisation nur der jeder Kreation innewohnende Schmerz, die Last und die Mühsal bleibt. Seit einigen Tagen widme ich mich nun meinem neuen Projekt, konzentriert und in Ruhe. Es ist erstaunlich schönes Wetter. Draußen hört man kaum etwas; es fahren nur noch wenige Autos. Durchs Fenster sehe ich Jogger und Spaziergänger vorbeilaufen. Ab und zu ist von Weitem der Lautsprecher eines Polizeiwagens mit Sicherheitshinweisen in Französisch und Flämisch zu hören. Manchmal stehe ich vom Schreibtisch auf, blicke aus dem Fenster und schaue einen Augenblick den Enten zu, die am Ufer des Teiches ihren Geschäften nachgehen.

          Übersetzt von Katharina von Bismarck.

          Von Jean-Philippe Toussaint, Jahrgang 1957, erschien zuletzt „Der USB Stick“.

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