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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Güte und Mut frisch vereint

  • -Aktualisiert am

Blick aus dem Fenster von Adam Zagajewski Bild: privat

Die Wahlen sind in meinem Land jetzt endlich verschoben. Und doch deutet alles darauf hin, dass die Mehrheit der Politiker in meinem Land nur an ihren eigenen Nutzen denkt.

          2 Min.

          Aus meinem Fenster sehe ich sehr wenig: ein paar Bäume, die Häuser auf der anderen Straßenseite. Ich sehe auch die Fenster anderer Leute, verhüllt oder leer. Die Amseln singen; von der Epidemie haben sie keine Ahnung, dafür wissen sie genau, dass der Frühling gekommen ist. Manchmal höre ich die gedämpften Geräusche einer Straßenbahn, die die Nachbarstraße entlangfährt.

          Genauso wie immer

          Eine Beschreibung „aus meinem Fenster“ wäre asketisch und langweilig, wie die Seiten eines seit langem aus der Mode gekommenen nouveau roman. Aber ich habe, wie wir alle, viele andere Fenster, in denen rund um die Uhr sehr mitteilsame Elektronen herumtoben. Immerfort hört man die Frage, was sich ändern wird und was sich nicht ändern wird, wenn die Pandemie endlich vorbei sein wird.

          Ich denke, die Welt wird sich ändern – wie, weiß ich nicht -, aber die Menschen werden genau so sein wie immer. Vielleicht werden die Konservativen ihre Verdammung der Massengesellschaft etwas revidieren; Guido Ceronetti, der geistreiche, bereits verstorbene italienische Essayist, war ein Beispiel für diese kritische Einstellung. Er verglich unsere egalitäre und an kultureller Amnesie leidende Gesellschaft mit einem „Massengrab“ und uns alle mit Zombies.

          Die Konservativen sagen gern, an die Stelle gotischer Kathedralen seien heute die Fernsehserien getreten. Und die Buchhandlungen seien so leer, dass man manche medizinischen Eingriffe künftig dort vornehmen könne. Aber man darf nicht vergessen, dass die Feuerwehrleute, die in der Provence, in Spanien und Australien, in der Ukraine und in Polen heldenhaft Waldbrände löschen, ebenso wie die Krankenschwestern, von denen wir jetzt täglich hören, die unter schrecklichen Bedingungen in Krankenhäusern und Altenheimen arbeiten, wo fast alle mit dem Virus infiziert sind, wahrscheinlich weder Leopardis Gedichte noch Prousts Romane kennen, aber gute und mutige Menschen sind; ohne sie wären wir schon längst umgekommen.

          Gebildete retten keine Leben

          Menschliche Güte verdient unsere Aufmerksamkeit. Ebenso Mut. Wenn beide sich verbinden, werden wir so manche Epidemie überstehen. Wie üblich leben wir in einer doppelten Welt. Die Gebildeten, die Philosophen und Dichter, sitzen in komfortablen Häusern und träumen von der wahren Welt der Werte, von einem Europa, das die große Tradition des Humanismus hochhält, und natürlich haben sie Recht. Aber es sind die weniger Gebildeten, die mit den Fernsehserien und den Fußballspielen, die unser Leben retten. Ebenso die sehr gebildeten, vielleicht schmal, aber tief ausgebildeten medizinischen Experten, Biologen und Ärzte. Es gibt viele gute Menschen, es gibt einige schlechte Menschen; wir finden sie nicht nur unter den Banditen und Betrügern kleinen und großen Kalibers, die ihren Überschuss an Geld in Panama-Papieren anlegen, sondern auch unter den Politikern.

          Ich weiß nicht, wie es anderswo aussieht, wahrscheinlich völlig anders; aber alles deutet darauf hin, dass die Mehrheit der Politiker in meinem Land nur an ihren eigenen Nutzen denkt, an den Machterhalt – denn sowie sie in Rente gehen, werden sie sofort zu Langweilern und Autoren von Memoiren, die kaum jemand interessieren werden. Doch jetzt sind sie, obgleich hässlich und bauchig, für die Fernsehkameras fast so attraktiv wie die Filmstars am Tag, an dem die Oscars verteilt werden.

          In Ungarn und in meinem Land sind Menschen an der Macht, die von jeder Gelegenheit Gebrauch machen, auch von einer Pandemie, um noch mehr zu regieren. Sie sind wie Alkoholiker. Sie kriegen nie genug. Jede Gelegenheit muss genutzt werden. Die Philosophen sagten: Der Preis für die Tugend ist die Tugend selbst. Lasst uns hinzufügen: Die Strafe für Niedertracht ist Niedertracht.

          Aus dem Polnischen von Gerhard Gnauck.

          Von Adam Zagajewski erschien auf Deutsch zuletzt der Gedichtband „Asymmetrie“ (Hanser 2017).

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