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Serie: Mein Fenster zur Welt : Es will uns nichts lehren

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Neuer Alltag in Kopenhagen: Vor einer Schule weist ein Schild auf die sogenannte «Kiss and Go Zone» hin, in der Eltern ihre Kinder verabschieden sollen, bevor diese in die Schule gehen Bild: dpa

Gerade versuchen alle die definitive Geschichte über Covid 19 zu erzählen. Dabei geht es nicht um ein Märchen mit Helden und Schurken. Sondern um einen anderen Blick auf die Welt.

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          Ich schreibe in meinem Elternhaus auf der Insel Fünen. Ich schreibe und schaue auf unseren Kastanienbaum, der noch nicht blüht. Wenn die Blüte kommt, wird sie offenbaren, dass der Baum mit Miniermotten infiziert ist. Die Larven setzen sich gierig in die Blätter und färben sie braun. Die Miniermottenepedimie unter den dänischen Kastanienbäumen hält seit vielen Jahren an. Unseren Baum befiel sie vor vier Jahren – ich entdeckte es in einem Sommer, in dem ich auf meine Mutter aufpasste. Inzwischen ist meine Mutter gestorben. Vier Tage und vier Nächte lang bekam sie keine Luft, am Ende starb sie. Sie hatte Krebs, doch es waren ihre Lungen, die sie umbrachten. Einen Lungentod zu sterben ist wie an Land zu ertrinken. Einen Lungentod zu sterben braucht Zeit – und man hat große Angst, während es passiert. So scheint es jedenfalls.

          Wahrscheinlich wegen meiner Mutter stelle ich mir jetzt oft vor, wie die infizierten Menschen, die nicht länger von selbst atmen können, an den Beatmungsmaschinen liegen. Auf dem Bauch, leicht bekleidet, bewusstlos und mit steifen Lungen. Sollte jemand versucht sein zu sagen, dass sie um ihr Leben kämpfen, kann dies nur äußerst metaphorisch gemeint sein, denn wie kämpft man bewusstlos und auf dem Bauch liegend? Im Reich der Kranken – dem einzigen Land, für das wir alle einen Pass haben, wie Susan Sontag in „Krankheit als Metapher“ schreibt –, macht es da überhaupt Sinn, von Kampf zu sprechen? Dieses Detail, dass man auf dem Bauch liegt, während man der Gewalt der Beatmungsmaschine ganz ausgeliefert ist, beschäftigt mich mehr als alles andere.

          Wer sind die Helden?

          Wenn ich schreibe „die Menschen“, bemerke ich, dass ich mich irre. Tatsächlich denke ich nur an einen bestimmten Menschen – ein Bild aus Italien, das einen perfekten Körper ohne Alterserscheinungen am Respirator zeigt. Versuche ich mich von diesem Bild zu befreien, sehe ich gerade überall Versuche, die definitive Geschichte über Covid-19 zu erzählen. Mit den jeweils länderspezifischen Fragen: Wer sind die Helden – in Dänemark: unsere Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, ein Mann namens Søren Brostrøm und alle seine Angestellten der staatlichen Gesundheitsbehörde. Wer sind die Schurken – in Dänemark: das Coronavirus, die Skisportenthusiasten, die Globalisierung. Wer sind die Opfer – in Dänemark: die von Covid-19 Befallenen, die machtkritische Presse, die gefeuerten Angestellten, die Backpackers, die aus Peru nicht heimkehren können. Und was ist die Moral aus der Geschichte – in Dänemark: mehr Gemeinschaft und weniger Kapitalismus.

          Für mich bleibt die Geschichte diffus, ohne Form. Was bedeutet es zum Beispiel, dass wir nun unseren Großeltern helfen, diesen ewigen Blumenkindern; und zwar so, wie uns bislang kein IPCC-Bericht, keine Naturkatastrophe, keine CO2-Kurve hat bewegen können, unsere (ungeborenen) Enkel zu retten. Und wie soll ich die Arbeit unserer Regierenden bewerten, solange ich den Schluss nicht kenne? Diese Wesen, die ich bisher immer als halbe Menschen und halbe Marktkräfte wahrgenommen habe, das sollen jetzt plötzlich meine Erlöser sein? Und welchen Wert soll ich den jetzt so gefeierten Nachbarschaften beimessen, die mit ihrem Gesang über leere Straßen hinweg angeblich für eine durch Widerstand gestärkte Zukunft sorgen, wenn niemand die unterschwellige Frage beantworten kann: Wie schlimm war eigentlich dein Leben von gestern?

          Es will uns nichts lehren

          Sollten wir je eine Schablone finden, mit deren Hilfe wir diese Pandemie verstehen können, wird das kein Volksmärchen mit Helden und Schurken sein, sondern ein Gedicht. Und zwar eines dieser Gedichte, die sich jeder Interpretation entziehen, eines dieser Gedichte, die du liest und wieder liest, und dann endlich, irgendwann, manchmal Jahre oder gar Jahrzehnte später, wachst du auf aus einem Traum oder streifst durch eine wunderschöne Landschaft, und dort, genau dort trifft es dich. Ich lehne alle formvollendetenGeschichten über Covid-19 ab. Der Krebs war mir ein gefährlicher Lehrmeister. Ich glaube nicht, dass Viren oder eine andere Krankheit in der Welt dazu da sind, um uns etwas zu lehren. Sie sind hier, um sich zu verbreiten.

          Amalie Langballe, Jahrgang 1992, veröffentlichte 2019 ihren Debütroman „Forsvindingsnumre“ .

          Aus dem Dänischen von Marc-Christoph Wagner.

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