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Reihe: „Mein Fenster zur Welt“ : Ein pochender Schmerz, ein brennendes Mal

  • -Aktualisiert am

Simon Stranger schaut aus seinem Fenster in einem Vorort von Oslo Bild: privat

Was wir sehen, wenn wir jetzt aus dem Fenster schauen: Eine neue Welt ist im Entstehen. Wir müssen jetzt die Produktion unserer Lebensmittel verändern, um neue Viren zu verhindern.

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          „Mitleid mit dem Betrübten zu haben, ist ein menschliches Gefühl, das jedermann wohl ansteht, vor allem aber von denjenigen gefordert wird, die schon einmal eines Trostes bedurften und ihn bei anderen gefunden haben.“ Mit diesem Satz beginnt das „Dekameron“ des italienischen Schriftstellers Giovanni Boccaccio, das er vermutlich im Jahr 1353 vollendet hat. Das Werk handelt von zehn jungen Männern und Frauen, die vor der Pest in Florenz fliehen und in einem Landhaus in der Umgebung Unterkunft finden. Damit ihnen die Zeit nicht zu lang wird, beschließen sie, einander mit Geschichten zu unterhalten. Jeder von ihnen solle jeden Tag eine Geschichte erzählen, zehn Tage lang, dazu kommt eine Geschichte des Autors selbst, so dass die Sammlung aus 101 Novellen besteht, die zusammen ein Bild des Lebens in jener Zeit zeichnen. Einige von ihnen sind erstaunlich profan, blasphemisch und frivol, stelle ich fest, als ich den ersten Band jetzt wieder aus dem Bücherregal nehme und mich ins Wohnzimmer setze, um mit Aussicht auf den Garten weiterzulesen.

          Eingesperrt mit Hausunterricht

          Es ist Mitte April 2020, beinahe siebenhundert Jahre nach dem Schwarzen Tod, und ein Virus mit dem poetischen Namen Corona hat die Leute in ihre Häuser gezwungen. Schon vor einiger Zeit wurden die Schulen meiner Kinder geschlossen. Meine Frau, die unlängst auf Dienstreise im Ausland war, befindet sich in einer vierzehntägigen Quarantäne. Viele Norweger haben es wie im Dekameron gemacht und sind zu ihren Wochenendhäusern hinausgefahren, aber der Staat hat sie wieder nach Hause beordert, in die Quarantäne. Alle Restaurants und Lokale sind geschlossen, und jetzt sitzen wir hier in der Vorstadt, eingesperrt mit Hausunterricht und Homeoffice. Die Tage vergehen. Das Essen wird an die Tür geliefert. Hin und wieder kommt eine Elster angeflogen und setzt sich auf die Telefonleitung, wippt mit dem Schwanz, bevor sie weiterflattert auf der Suche nach Nahrung oder geeigneten Zweigen für den Nestbau.

          Hinter den Fenstern der anderen Häuser leben die Nachbarn ebenfalls in Quarantäne. Ich sehe sie in ihren Wohnzimmern umherlaufen. Manchmal winken wir einander zu, halb scherzhaft, oder unterhalten uns über die Hecke hinweg und versuchen damit, die Angst zu mildern vor der Krankheit. Dass sie tödlich sein kann, wissen wir. Nicht in erster Linie für uns, die wir gesund sind, aber beispielsweise für meine Mutter, die an Krebs erkrankt war, oder für die Kinder in den Flüchtlingslagern, die in Gebieten ohne Infrastruktur eingesperrt sind, kein Wasser, keine Heizung, keine Kanalisation haben.

          Mein Fenster zur Welt

          Bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der ganzen Welt schauen für uns aus dem Fenster und beschreiben, wie das Virus ihr Land verändert.

          Zur Serie

          Meine Lesereisen ins Ausland sind abgesagt, dasselbe gilt für die Auftritte in Norwegen, aber andere sind schlimmer betroffen. Ich kann zu Hause bleiben und schreiben und muss keine Angst haben. Beim Schwarzen Tod war das anders. In Norwegen starb damals die Hälfte der Bevölkerung daran, und danach lagen so viele Höfe öde, dass daraus sogar ein Nachname entstand, wie bei dem norwegischen Fußballspieler Martin Ødegaard: Øde (verlassen), Gård (Bauernhof). Viele verschiedene Krankheiten haben den Menschen verfolgt, seit er sesshaft wurde und begann, Haustiere zu halten. Die Grippe kommt jedes Jahr in einer neuen, mutierten Version, so dass die Impfstoffe des vorherigen Jahres nicht mehr wirken. Es gab die Tuberkulose, Masern und Pocken (ich erinnere mich an das peinliche Warten mit hochgezogenen T-Shirts im Kindergarten, nachdem wir uns in einer Reihe aufgestellt hatten, damit die Krankenschwester uns impfen konnte. Der pochende Schmerz, der noch tagelang zu spüren war, bis er sich langsam in eine kreisförmige Narbe auf dem Oberarm verwandelte. Ein Mal für alle, die gesund bleiben und vom Virus verschont bleiben würden).

          In Fledermäusen sind die Viren harmlos

          In einem Aufsatz über die Vogelgrippe schreibt die norwegische Biologin Bergljot Børresen über den Ursprung aller Krankheiten und geht zurück bis zu den Epidemien im Alten Testament. Sie nennt sie Zoonosen. Die Theorie besagt, dass wir Tiere, die in der Natur getrennt voneinander lebten, gefangen und dicht zusammengedrängt in unserer Nähe gehalten haben. Das führte dazu, dass Viren, die in den Körpern von Schweinen keinen größeren Schaden anrichteten, sich in einer Ente mit anderen Viren vermischen konnten, worauf sie bei einer Begegnung mit den Menschen ein weiteres Mal mutierten und zu einem gefährlichen Virus wurden. So entstanden die Pocken aus den Kuhpocken, und so kam es, dass ein Virus, das in Fledermäusen keinen Schaden anrichtete, zu uns überspringen konnte, wie es anscheinend letztes Jahr auf einem Lebensmittelmarkt in Wuhan geschah.

          Laut der norwegischen Forscherin müssen wir die Methoden, mit denen wir Fleisch, Milch und Eier produzieren, jetzt grundlegend ändern, denn hier geht es nicht nur um Fleischmärkte in China, sondern um die Produktionsverhältnisse in der ganzen Welt. Ansonsten werden solche Pandemien immer wieder stattfinden, unter ständig neuen Namen. In unserer Gegenwart gibt es zum ersten Mal die Möglichkeit, die Entwicklung neuer Viren zu verhindern, und erste Maßnahmen sind bereits eingeleitet. Trotzdem ist diese Pandemie auch eine Erinnerung daran, dass unsere Leben miteinander verbunden sind. Im Augenblick sitzt zwar jeder hinter seinem eigenen Fenster, aber wir teilen dieselben Wünsche für unsere Angehörigen. Wir teilen dieselben Hoffnungen und Bedürfnisse. Es ist dieselbe Welt, auf die wir alle hinausschauen. Wir teilen uns diese Welt. Und ihre Mikroben.

          Aus dem Norwegischen von Thorsten Alms.

          Von Simon Stranger, geboren 1976, erschien zuletzt der Roman „Vergesst unsere Namen nicht“ (2019).

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