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Serie: Mein Fenster zur Welt : Die Menschen vergiften ihre Hunde

  • -Aktualisiert am

Überzeugte Junggesellin: die libanesische Autorin Alawiya Sobh Bild: Wonge Bergmann

In Beirut scheint die Sonne am blauen Himmel, während verrückte Islamisten Fatwas verhängen. Und die Menschen setzen ihre Haustiere aus, weil sie gehört haben, sie wären ansteckend.

          3 Min.

          Ich blicke aus dem Fenster hinunter auf die verlassene Straße. Sie scheint ihrer eigenen Trostlosigkeit vollkommen ausgeliefert. Die Luftverschmutzung in Beirut, die einem immer den Atem stocken ließ, ist gewichen. In diesen Tagen öffnest du deine Lungen für eine Luft, wie du sie seit der Kindheit nicht mehr geatmet hast. Du saugst sie ein. Möge sie dir helfen. Doch hier kommt schon das erste Paradoxon: Der klare Frühlingshimmel ist jetzt dem Corona-Aerosol preisgegeben. Da heißt es, sich mit dem Schweigen der Straße zu begnügen. Auch die Einkaufsgassen, in denen alles hinter dunklen Vitrinen und Metalltüren brach liegt, sind still. Mäßiges Glück ist das rühmlichste, sagt ein Sprichwort. Aber wenn ich aus dem Fenster auf das Meer blicke und in den Himmel, sehe ich ihn das erste Mal frei von Flugzeugen. Nur ein mir seit Jahren bekannter Taubenschwarm lässt sich hin und wieder auf meinem Balkongarten nieder, auf Stromleitungen und Mauervorsprüngen.

          Gibt es ein ekelhafteres Verbrechen?

          Noch ein Paradoxon: Ich wohne allein. Ich lebe im selbsterwählten Genuss ewigen Junggesellinnendaseins. Meine Zurückhaltung beim Gästeempfangen hat Tradition. Heute sagt man „social distancing“ dazu. Ich blicke aus dem Fenster, grüble, ducke mich und werde traurig. Zu Tausenden haben Familien ihre Katzen und Hunde auf die Straßen gesetzt, nachdem das Gerücht aufgekommen war, Haustiere würden das Coronavirus auf Menschen übertragen. Sie werden alle sterben. Was mich noch mehr schmerzt, ist, dass Unbekannte in vielen Gegenden des Libanons Hunde massenweise einfach vergiftet haben. Gibt es ein ekelhafteres Verbrechen? Ich bin durchaus der Ansicht, dass die häusliche Quarantäne eine wertvolle Gelegenheit bieten kann, erkaltete Beziehungen wiederaufleben zu lassen. Andererseits nimmt die häusliche Gewalt gegen Frauen gerade erschreckende Ausmaße an, auch Morde werden häufiger. Die Frau ist ja in normalen Zeiten häufig genug schon Sündenbock – wie ist es dann erst in Zeiten der Krise? Bemerkenswert ist auch das wilde Erteilen von Fatwas seitens einiger durchgeknallter, fundamentalistischer muslimischer Geistlicher in den sozialen Medien. Jeder von ihnen behauptet allen Ernstes, nur seine Gefolgschaft werde vom Coronavirus verschont, da sie von Gott beschützt werde, alle anderen Konfessionen jedoch würden erkranken. Wie zynisch. Wie albern.

          Selbstversklavung

          Und wie ich in den Horizont starre, übermannt mich plötzlich ein lärmender Gefühlswust, so laut, dass ich mich abwenden muss. Ich spaziere durch die Wohnung. Wie schwierig es doch ist, das, was man sehen sollte, nicht zu sehen. Seine eigenen Schritte nicht zu hören, obgleich man ihnen so nah ist. Es gibt einen Unterschied zwischen selbstgewählter Einsamkeit und Quarantäne. Ich empfinde sie als Zwang, als Selbstversklavung. Ich verlaufe mich und irre durch mein eigenes Haus. Ich denke daran, wie ich immer in meinem Lieblingscafé saß und schrieb, hinter der Glasfront, durch die man die Straße sah. Ich bin fast schon an der Tür, da halte ich inne und gehe wieder zurück ins Innere der Wohnung. Jetzt scheint es mir, Covid-19 warte draußen bereits auf mich, um mich zu infizieren. Mir wird schwindelig. Ich fürchte mich vor Corona, und ich fürchte mich vor meinem Gefängnis. Ich suche einen Lichtschein, etwas, das mir wieder Zuversicht gibt. Ich suche nach einer Stimmung, die mir jetzt helfen könnte. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, die Corona-Zeit wäre vorüber. Ich sehe die Menschen alle gleichzeitig auf dem Erdball durch die Straßen rennen und einander umarmen, ohne Angst vor dem anderen. Dann zeichne ich meiner Mutter ein lächelndes Gesicht, obwohl ich während ihres ganzen Lebens nie ein Lächeln auf ihren Lippen gesehen habe.

          Nur meine Phantasie ist imstande, mir Türen zu öffnen. Manchmal nur für einen Augenblick, manchmal für eine ganze Weile schlägt sie mein Ersticken und meine Angst in die Flucht. Bis ich wieder in das Rasen und Hecheln einstimme. Wann ist dieser Albtraum endlich vorbei? Ich wünschte, ich würde einschlafen und erst wieder aufwachen, wenn die Menschen ihre Freiheit zurückerlangt haben. Ich mache mich innerlich bereit fürs Rausgehen, fürs Schwimmen unter freiem Himmel. Wenn es so weit ist, werde ich sofort bereit sein zu fliegen.

          Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.

          Von Alawiya Sobh, Jahrgang 1955, erschien zuletzt der Roman „Marjams Geschichten“ (Suhrkamp).

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