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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Alles bleibt gleich, nur anders

  • -Aktualisiert am

Statt eines Fensters: Wandschmuck der Kellerwerkstatt von Marius Ivaskevicius Bild: Privat

Auf kurze Sicht wird es in der Corona-Krise Veränderungen geben: Manche werden sterben, manche die Arbeit verlieren oder bankrott gehen. Aber die Überlebenden werden sich bemühen, alles wieder so zu machen, wie es war.

          4 Min.

          Vor einer Fernsehdiskussion darüber, wie die Pandemie das Gesicht unserer Gesellschaft verändert (oder nicht verändert), habe ich ein Jackett angezogen, in dessen Taschen – wie immer – unterschiedliche Papierfetzen vom vorherigen Tragen waren. Dieses Mal waren es ein Ticket der Berliner S-Bahn und die Eintrittskarte zur Premiere von „Decamerone“ am Deutschen Theater. Ich ging in die Küche, um sie in den Müll zu werfen, aber dann hielt etwas Unsichtbares meine Hand zurück. Es erlaubte mir, das S-Bahn-Ticket wegzuwerfen, nicht aber die Theaterkarte.

          Und das, obwohl das Theater meine Arbeit ist und ich ganz sicher keiner von denen bin, die solche Reliquien sammeln. Aber mich stoppte der Gedanke, dass vollkommen unbekannt ist, wann ich wieder im Theater sein werde und in einem vollen, ganz still gewordenen Saal, Ellenbogen an Ellenbogen mit mir nicht bekannten Menschen, ein lebendiges Schauspiel betrachten werde, ohne dass mich die Kälte des heranschleichenden Todes durchdringt, wenn einer von ihnen nur hüstelt.

          Die Erinnerung an Gedränge wie an die Kindheit

          Es ist nur wenig mehr als zwei Monate seit der Premiere am 8. März vergangen, und es scheint, als sei jene sorglose Welt, in der man sich mit allen umarmen und in einem Menschengedränge aufhalten konnte, so weit entfernt wie die Kindheit.

          Es ist eine Ironie des Schicksals, dass jenes letzte Schauspiel ausgerechnet der „Decamerone“ war, den Giovanni Boccaccio zu schreiben begann, als in Florenz die Pestepidemie wütete, die sich später auf ganz Europa ausbreitete.

          Oliver Kraushaar liest : Alles bleibt gleich, nur anders

          Das war in keiner Weise eine liebedienerische Verbeugung des Theaters vor der heißesten Aktualität dieser Tage. Die Premiere sollte schon vor einigen Jahren stattfinden, aber dann haben die russischen Machthaber den Regisseur Kirill Serebrennikow festgenommen und im Hausarrest gefangen gehalten. Nachdem er anderthalb Jahre darin verbracht hat, darf er nun aus dem Haus gehen und sein Theater in Moskau führen, aber er darf das Land nicht verlassen, denn sein Gerichtsprozess wird fortgesetzt. Deshalb sind die Schauspieler des Deutschen Theaters selbst nach Moskau gereist, haben dort einige Monate geprobt, und nach ihrer Rückkehr haben sie es noch geschafft, zwei Premierenaufführungen zu geben, bevor das Theater geschlossen wurde.

          Die Vaterländer haben sich eingeschlossen

          Kirill war nicht in Berlin, aber seine künstlerischen Assistenten waren dort. Sie sorgten sich, dass ihnen nach der Rückkehr nach Moskau zwei Wochen Zwangsisolation drohten. Damals hörte sich das schrecklich an, wie eine weitere Erscheinungsform des russischen Autoritarismus, fast wie politische Rache, aber es vergingen nur wenige Tage, und das wurde für alle zur Norm.

          Die Vaterländer haben uns in sich eingeschlossen. Sie haben alle Alarmglocken geschlagen, und wir, von einem mittelalterlichen Instinkt geleitet, sind in diese unsere Festungen geeilt, bevor ihre Tore verriegelt wurden. Das Ausland wurde zu einem Schreckgespenst und die „erst vor kurzem Zurückgekehrten“ – eine Art Zombies. Von der Europäischen Union ist faktisch nichts geblieben, sie wurde von den alten Vaterländern annektiert, und es ist noch nicht klar, für welche Summe sie sich freikaufen kann und ob es ihr überhaupt gelingt.

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