https://www.faz.net/-gr0-9z23w

Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Schutzmasken trägt nur die Facebook-Schicht

  • -Aktualisiert am

Quarantäne am Stadtrand von Charkiw: die Fensteraussicht von Serhij Zhadan Bild: Serhij Zhadan

Viele Ukrainer ignorieren die Corona-Quarantäne und verhalten sich verantwortungslos. Aber auch die Behörden haben die Situation nicht unter Kontrolle und verbreiten vor allem Misstrauen.

          4 Min.

          Jeden Morgen wache ich auf und sehe aus dem Fenster den Wald. Letztes Jahr habe ich meine Mutter aus der Nähe der Front im Donbass zu mir geholt und ihr in einer Landhaussiedlung bei Charkiw ein kleines Haus gekauft. Hier leben ganz unterschiedliche Leute, von Großunternehmern und korrupten Beamten, die sich echte Paläste gebaut haben, bis hin zu gewöhnlichen Bauern, die den ganzen Tag in der Erde graben. Manchmal sieht man auf der Straße teure SUVs unterwegs zur Datscha, manchmal alte Frauen auf dem Heimweg vom Supermarkt. Sie gehen zu Fuß, weil es hier keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Kurz, typisch Ukraine – soziale Kontraste, wohin man blickt. Am 12. März wurde landesweit die Quarantäne eingeführt. Wir beschlossen, aufs Land zu ziehen, zu meiner Mutter; wir beschlossen, dass es in Zeiten der Ungewissheit besser ist, sich zusammenzutun.

          Und ungewiss scheint vieles. Die Notwendigkeit einer Quarantäne, der Selbstisolierung, wurde von den Ukrainern zu Beginn der Ausbreitung des Coronavirus auf die leichte Schulter genommen. Lange gab es in der Ukraine keinen einzigen offiziell diagnostizierten Fall. Das spricht natürlich weniger für eine makellose Gesundheit der Ukrainer als für die Makel des Gesundheitssystems. Die Kranken wurden nicht registriert, weil sie einfach nicht getestet wurden. Das Ausbleiben einer Horrorstatistik, vor allem vor dem Hintergrund der Ereignisse in Westeuropa, beruhigte die ihrer sozialen Verantwortung ohnehin nicht besonders bewussten Ukrainer etwas. Das Ausbleiben von Todesfällen in der eigenen Nachbarschaft ließ ihnen die Illusion, dass nicht besonders viel unternommen werden müsse. Der elementare logische Schluss, dass diese Welle unausweichlich auch uns überrollen würde und wir aus der tragischen Erfahrung Europas Lehren ziehen sollten, was zu tun und vor allem was nicht zu tun ist, wurde nicht gezogen.

          Rückkehrerbusse mit Steinen beworfen

          Stur wollten die Ukrainer die neuen Umstände nicht akzeptieren. Als in Kiew ein Flugzeug aus China mit ukrainischen Rückkehrern landete und sie zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht wurden, bewarfen Anwohner die Busse mit Steinen. Als die Behörden die sich im Ausland aufhaltenden Ukrainer zur Rückkehr aufforderten, waren die Reaktionen in den sozialen Netzwerken heftig, den Landsleuten wurde vorgeworfen, sie schleppten das Virus in die Ukraine ein. Darin steckte kein Hauch von sozialer Solidarität, aber ein Funken Wahrheit: Die massenhafte Rückkehr von Gastarbeitern und Touristen – allein in Italien sind offiziell knapp 250 000 Ukrainer gemeldet – trieb die Zahl der Infizierten sofort in die Höhe.

          Allerdings beeinflussten weder die ersten registrierten Kranken noch die ersten Todesopfer das Verhalten der Bevölkerung stark. Die ersten Tage der Quarantäne wurden von vielen Stadtbewohnern für Picknicks und Spaziergänge in der Sonne genutzt. Was natürlich eine Welle der Empörung beim aufgeklärten Teil der Bevölkerung, der „Facebook-Schicht“, hervorrief, die sofort nach Beginn der Quarantäne zur Selbstisolierung aufgerufen hatte und anfing, Kulturveranstaltungen und Kurse ins Internet zu verlagern (schon seit zwei Monaten finden in der Ukraine zahlreiche Online-Lesungen und -Konzerte statt), Masken zu nähen und das medizinische Personal zu unterstützen.

          Sogar heute, nachdem mehr als zehntausend Infizierte und über 260 Tote im Land verzeichnet wurden, sind bei weitem nicht alle Ukrainer bereit, eine Schutzmaske zu tragen. Hier im Wald fällt das nicht besonders auf, hier ist sowieso kaum jemand draußen, aber in den Supermärkten ergibt es ein seltsames Bild: Die Hälfte der Kundschaft trägt Masken, die andere keine. Dabei einen die Leute dieselben Ängste, dieselbe Bedrohung. Die Quarantäne nimmt ihnen faktisch die Existenzgrundlage – der Finanzpuffer ist beim Großteil der Bevölkerung alles andere als üppig, ein Monat ohne Einnahmen macht die soziale und wirtschaftliche Lage der Bevölkerung schlichtweg kritisch. Der Staat hat die Situation nicht unter Kontrolle, sondern schürt massenhaft Unzufriedenheit und Misstrauen.

          Selenskyj reagiert unprofessionell

          Die Lage wird erschwert durch politische Probleme, den Rücktritt der Regierung, sinkende Beliebtheitswerte des Präsidenten Selenskyj und Fehler seines unprofessionellen Teams. Angesichts einer Pandemie, die sich unerbittlich ausbreitet, und des wirtschaftlichen Kollaps, der ihr auf dem Fuße folgt, wirken inkompetente politische Entscheidungsträger nicht vertraueneinflößend und verstärken die gesellschaftliche Hysterie. Sogar bei den Anhängern Selenskyjs, der noch vor einem Jahr mit Kampfansagen gegen Oligarchen Wahlkampf machte, stößt es auf Unverständnis, dass er sich nun ausgerechnet mit Vertretern der großen Wirtschaft – um die Dinge beim Namen zu nennen: mit denselben Oligarchen – berät und sie um Unterstützung bittet. Das bedeutet, dass Selenskyj seine Unfähigkeit, mit der Situation fertigzuwerden, eingestanden und sich finanziell und politisch in totale Abhängigkeit von den Oligarchen begeben hat.

          Serhij Zhadan
          Serhij Zhadan : Bild: Frank Röth

          Das Gleiche gilt für den Versuch der ukrainischen Behörden, Zehntausende ukrainische Bürger nach Hause zu holen. Was die Sorge der Ukraine um ihre Bürger demonstrieren sollte, endete damit, dass Fluggesellschaften unkontrolliert die Preise für Rückkehrer anhoben und es an der polnisch-ukrainischen Grenze zum Massenandrang von Ukrainern kam, die Stunden darauf warten mussten, dass ihre Heimat sie nach Hause lässt. Gleich darauf verfolgte das Land auf den Bildschirmen, wie auf dem Kiewer Flughafen Borispol ein Flugzeug mit ukrainischen Staatsbürgern aus Vietnam landete. Mehrere hundert Passagiere, die zwei Wochen lang zwecks Untersuchung und Quarantäne in Kiew hätten bleiben sollen, brachen einfach die Türen des Terminals auf und rannten davon. Dieses traurige apokalyptische Spektakel zeigt sowohl die katastrophale Verantwortungslosigkeit der Ukrainer selbst als auch die Unfähigkeit der ukrainischen Behörden, in dieser Situation auch nur irgendetwas in den Griff zu bekommen.

          Bisher weiß niemand, wie und wann dieser Ausnahmezustand endet. Die Bevölkerung schaut Nachrichten, die eher Angst machen als zu informieren, überlegt sich Beschäftigungen für die Quarantäne, wagt vorsichtige Zukunftsprognosen. Vielleicht ist es genau diese Fähigkeit, der Zukunft trotz allem etwas Gutes abzugewinnen, die uns alle nicht den Glauben verlieren lässt. Und den gesunden Menschenverstand.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fluggesellschaften leiden unter der Corona-Krise und müssen Personal entlassen.

          Amerikanische Wirtschaft : Massenentlassungen kurz vor der Wahl

          Donald Trump steckt im Dilemma. Wenn er ein großzügiges Hilfspaket durchsetzt, gibt er zu, dass die Wirtschaft doch nicht so brummt, wie er immer behauptet.
          Französische Sicherheitskräfte nach dem Messerangriff vor dem früheren Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris

          Regierung in Paris alarmiert : Von Islamisten unterwandert

          Der Islamismus breitet sich in der französischen Gesellschaft immer weiter aus und dominiert mittlerweile ganze Stadtviertel. Die Regierung in Paris will ihn mit schärferen Gesetzen zurückdrängen.
          Ein Schlauchboot, mit dem Migranten über den Ärmelkanal nach Großbritannien übergesetzt sind.

          London will abschrecken : Fähren für Asylbewerber?

          Immer mehr Migranten erreichen Großbritannien über den Ärmelkanal. Die Regierung will die Migration jetzt eindämmen. Auch die Einrichtung von Asylzentren auf Papua Neuguinea soll dafür im Gespräch gewesen sein.
          Spuren der Verwüstung: Ein Mann steht in einem zerstörten Mehrfamilienhaus in Tartar, Aserbaidschan.

          Rohstoffförderer Aserbaidschan : Der Krieg einer Öl-Macht

          Aserbaidschan liefert wichtige Rohstoffe nach Europa. Ein militärischer Konflikt mit Armenien könnte die Handelsbeziehungen nun gefährden. Die Türkei will das verhindern – aus eigenem Interesse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.