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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Schutzmasken trägt nur die Facebook-Schicht

  • -Aktualisiert am

Quarantäne am Stadtrand von Charkiw: die Fensteraussicht von Serhij Zhadan Bild: Serhij Zhadan

Viele Ukrainer ignorieren die Corona-Quarantäne und verhalten sich verantwortungslos. Aber auch die Behörden haben die Situation nicht unter Kontrolle und verbreiten vor allem Misstrauen.

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          Jeden Morgen wache ich auf und sehe aus dem Fenster den Wald. Letztes Jahr habe ich meine Mutter aus der Nähe der Front im Donbass zu mir geholt und ihr in einer Landhaussiedlung bei Charkiw ein kleines Haus gekauft. Hier leben ganz unterschiedliche Leute, von Großunternehmern und korrupten Beamten, die sich echte Paläste gebaut haben, bis hin zu gewöhnlichen Bauern, die den ganzen Tag in der Erde graben. Manchmal sieht man auf der Straße teure SUVs unterwegs zur Datscha, manchmal alte Frauen auf dem Heimweg vom Supermarkt. Sie gehen zu Fuß, weil es hier keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. Kurz, typisch Ukraine – soziale Kontraste, wohin man blickt. Am 12. März wurde landesweit die Quarantäne eingeführt. Wir beschlossen, aufs Land zu ziehen, zu meiner Mutter; wir beschlossen, dass es in Zeiten der Ungewissheit besser ist, sich zusammenzutun.

          Und ungewiss scheint vieles. Die Notwendigkeit einer Quarantäne, der Selbstisolierung, wurde von den Ukrainern zu Beginn der Ausbreitung des Coronavirus auf die leichte Schulter genommen. Lange gab es in der Ukraine keinen einzigen offiziell diagnostizierten Fall. Das spricht natürlich weniger für eine makellose Gesundheit der Ukrainer als für die Makel des Gesundheitssystems. Die Kranken wurden nicht registriert, weil sie einfach nicht getestet wurden. Das Ausbleiben einer Horrorstatistik, vor allem vor dem Hintergrund der Ereignisse in Westeuropa, beruhigte die ihrer sozialen Verantwortung ohnehin nicht besonders bewussten Ukrainer etwas. Das Ausbleiben von Todesfällen in der eigenen Nachbarschaft ließ ihnen die Illusion, dass nicht besonders viel unternommen werden müsse. Der elementare logische Schluss, dass diese Welle unausweichlich auch uns überrollen würde und wir aus der tragischen Erfahrung Europas Lehren ziehen sollten, was zu tun und vor allem was nicht zu tun ist, wurde nicht gezogen.

          Rückkehrerbusse mit Steinen beworfen

          Stur wollten die Ukrainer die neuen Umstände nicht akzeptieren. Als in Kiew ein Flugzeug aus China mit ukrainischen Rückkehrern landete und sie zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht wurden, bewarfen Anwohner die Busse mit Steinen. Als die Behörden die sich im Ausland aufhaltenden Ukrainer zur Rückkehr aufforderten, waren die Reaktionen in den sozialen Netzwerken heftig, den Landsleuten wurde vorgeworfen, sie schleppten das Virus in die Ukraine ein. Darin steckte kein Hauch von sozialer Solidarität, aber ein Funken Wahrheit: Die massenhafte Rückkehr von Gastarbeitern und Touristen – allein in Italien sind offiziell knapp 250 000 Ukrainer gemeldet – trieb die Zahl der Infizierten sofort in die Höhe.

          Allerdings beeinflussten weder die ersten registrierten Kranken noch die ersten Todesopfer das Verhalten der Bevölkerung stark. Die ersten Tage der Quarantäne wurden von vielen Stadtbewohnern für Picknicks und Spaziergänge in der Sonne genutzt. Was natürlich eine Welle der Empörung beim aufgeklärten Teil der Bevölkerung, der „Facebook-Schicht“, hervorrief, die sofort nach Beginn der Quarantäne zur Selbstisolierung aufgerufen hatte und anfing, Kulturveranstaltungen und Kurse ins Internet zu verlagern (schon seit zwei Monaten finden in der Ukraine zahlreiche Online-Lesungen und -Konzerte statt), Masken zu nähen und das medizinische Personal zu unterstützen.

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