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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Die Verlorenen sind die Interessantesten

  • -Aktualisiert am

Der Frankfurter Schriftsteller Jan Wilm Bild: Alexander Paul Englert

Widerwärtig schmeckt es nach Gleichgültigkeit: Vom Luxus, aus dem Fenster zu schauen und dort irgendeine Form von Ruhe zu finden.

          3 Min.

          Als ich vor einigen Jahren bei einem Bekannten in einer mir unbekannten Stadt wohnte, durfte ich sein Arbeitszimmer zum Schreiben nutzen, während er arbeiten war. Ich hatte nie ein Arbeitszimmer mit Fenster gehabt, schon gar nicht über der elfenweiß blühenden Krone einer Kastanie. Auf der anderen Seite der gepflasterten Straße sonnten sich die jugendstilbunten Altbauten im hellen Frühlingslicht. Ich schrieb nicht ein Wort. Jede Blüte, die am Fenster vorbeiflog, lenkte mich ab.

          Eines Morgens erschien an einem Dachfenster gegenüber ein junger Mann mit Ray Bans wie Travis Bickle und lehnte sich ungelenk aus dem Fenster, als wollte er sich auf die gepflasterte Straße stürzen. Stattdessen warf er in kürzester Zeit ein Dutzend Pflastersteine auf die parkenden Autos und mitten auf die Straße, aus der er (wie später in der Zeitung stand) über einige Wochen die Pflastersteine herausgebrochen und in seine Wohnung gebracht hatte. Verletzt wurde niemand.

          Rote Socken statt Schuhe

          Seit die systemirrelevante Welt ins Home Office geschickt wurde mit dem Auftrag, sich pausenlos mit den furchtbaren Folgen des Virus zu beschäftigen, denke ich oft an diesen Mann. Er blieb mir unbekannt und ich sah ihn nur zwei Mal: Als er seine Pflastersteine auf die Straße feuerte und als er eine Stunde später von zwei Polizisten in Riot Gear aus dem Haus gebracht und abgeführt wurde. Die Sonnenbrille hatte man ihm abgenommen und er trug statt Schuhen nur rote Socken, auf denen irgendwelche Cartoon-Tiere zu sehen waren – ein Detail, das mich bis heute fertigmacht.

          Viele meiner Bekannten verstehen heute nicht, wenn ich sage, ich meine, das Virus sei ein Fenster, das bloß einen neuen Blick aufs Altbekannte erlaube. Manche von ihnen beenden ihre E-Mails an mich mit Worten wie: Genieß‘ die neue Ruhe oder Hoffe, du kannst ein bisschen entspannen. Für manche ist diese Krise scheinbar keine harte Arbeit. Haben sie keine Angst? Haben sie kein Mitgefühl? Oder nur keine Vorstellungskraft? Genieß‘ die neue Ruhe – in meinem Kopf geht der Satz in einer Variation des Folgenden weiter: Denn du kannst dich glücklich schätzen, dass es dir nicht so geht wie den Verlorenen. Doch die Verlorenen sind die interessantesten Menschen, nicht nur in der Krise. Und diese Pandemie ist, wie jede Weltenkrise, ein Fenster auf die Gesellschaften, die unter ihr zerbrechen oder über sie triumphieren. Manche denken derzeit nur an lässliche Verluste, wie ungerecht es ist, nicht ins Café zu dürfen, nicht irgendeinem Ball zuschauen zu können, wie er in ein Netz fliegt. Manche tragen die Ruhe als neues Statussymbol oder als Gelegenheit, kulturelles Kapital zu scheffeln. Manche sind erbost, dass es keine Verantwortlichen gibt, dass gewohnte Schuldzuweisungen nicht funktionieren, weil ein Virus nicht handelt wie ein Mensch, weil das Virus uns nichts Böses will, obwohl es uns vernichtet. Und manche haben nicht mal den Luxus, vor dem Virus Angst haben zu können und in ihrem Home Office darüber nachzudenken, warum das Leben eigentlich so lang ist.

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