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Serie: Mein Fenster zur Welt : Mensch im Kellerloch

  • -Aktualisiert am

Blick aus dem Fenster von John Banville Bild: privat

An Murmeltiertagen wie diesen denke ich an den früheren, sehr gefährlichen Ausbruch eines Virus mit dem Namen Rassismus. Den Kampf gegen ihn haben wir immer noch nicht gewonnen.

          2 Min.

          In dieser fortschreitenden Zeit der Isolierung fühle ich mich an einige Monate erinnert, die ich im Herbst 2016 an der Universität Chicago verbrachte. Ich war dort, um ein Seminar zu den Romanen von Henry James abzuhalten, in jenem Graduiertenkolleg, zu dessen Absolventen schon T.S. Eliot, Saul Bellow und Leszek Kolakowski zählten.

          Ich war in einem weitläufigen Zimmer eines schönen Stadthauses auf dem Campus untergebracht, in der waldigen Nachbarschaft von Hyde Park. In meiner Reichweite gab es eine einzige Kneipe, eine melancholische Spelunke, die ich mied, während das einzige Restaurant, das den Namen verdiente, vierzig Minuten zu Fuß entfernt war – der Hinweg war in Ordnung, aber der Rückweg war tendenziell etwas wackelig. Meine Tage waren eintönig, friedlich und ereignislos. Ich verlor den Überblick über die Wochentage. Ich wachte auf, schrieb, aß einen Sandwich, schrieb, aß einen Teller Spaghetti, las, nahm einen Drink, ging ins Bett. Eines Morgens klappten meine Augenlider auf, und ich sagte zur Decke: „Ich weiß, was jetzt ist – es ist Murmeltiertag!“

          Stefanie Reinsperger

          Stefanie Reinsperger liest : Mensch im Kellerloch

          Die Welt laut Fox News

          Damals grassierte ebenfalls ein Virus. Ich hatte die frühen Anzeichen den ganzen Oktober hindurch beobachtet. Menschen, die sich auf der Straße rassistische Bemerkungen zuriefen, in Debatten wurden hasserfüllte Beleidigungen hin und her geschleudert, schamlose Lügen wurden als Fernsehnachrichten getarnt von sogenannten „Journalisten“, die es besser hätten wissen sollen. Die Welt laut Fox News gegen die Welt laut CNN.

          Eines Nachmittags, als ich in einem Taxi saß, das im Verkehr steckengeblieben war, sah ich, wie ein weißer Mann mit zornrotem Gesicht aus seinem Auto sprang und an sechs Fahrzeugen zurückschritt, um der Tür eines Kleintransporters, in dem ein Schwarzer am Steuer saß, einen Tritt zu versetzen. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich den Begriff „alternative Fakten“ aus dem Mund eines politischen Beraters hörte – es war sogar bei CNN, nicht bei Fox News. Das war ein Geniestreich, eines Joseph Goebbels oder eines von Lenins nützlichen Idioten würdig, dachte ich. In den Vereinigten Staaten erreichte die populistische Epidemie ihren Krisenhöhepunkt am 9. November 2016. Noch nie hatte eine Präsidentenwahl in jüngster Zeit eine Nation so schlimm infiziert. Und wie alle Viren hat sich dieses schnell verbreitet, nicht nur in Amerika, sondern über die ganze Welt. Der Populismus ist keine Pandemie, aber die Infektion lauert überall im Staatskörper und passt den rechten Augenblick ab.

          Blaise Pascal behauptete, dass das ganze Unglück der Menschen daher komme, dass sie nicht ruhig allein in einem Zimmer sitzen können. Heute gibt es überall Menschen in Zimmern, die nicht die geringste Absicht haben, ruhig zu bleiben. Es ist so, wie Dostojewskis Kellerlochmensch über seinesgleichen bemerkte: „Er ist wohl fähig, vierzig Jahre lang stumm in seinem Kellerloch auszuharren, kommt er aber ans Licht, geht es mit ihm durch, dann redet er, redet, redet, redet.“

          Aus dem Englischen von Gina Thomas.

          Von John Banville, Jahrgang 1945, erschien zuletzt „Spaziergänge durch Dublin“.

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