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Serie „Mein Fenster zur Welt“ : Nur darauf kommt es jetzt an!

  • -Aktualisiert am

Sucht nach der europäischen Antwort: Der spanische Schriftsteller Javier Cercas Bild: AFP

In meinem Heimatland spitzt sich die Lage dramatisch zu. Wo ist das Versprechen einer europäischen Einheit in diesen Krisentagen? Warum kommt keine Hilfe?

          3 Min.

          Seit bald zwei Wochen lebe ich mit meiner Frau und meinem Sohn eingeschlossen in unserer Wohnung in Barcelona; nur zum Einkaufen gehe ich aus dem Haus. Während ich durch das Fenster auf die verwaisten Straßen schaue, muss ich daran denken, dass ich zur ersten Generation von Europäern gehöre, die keinen Krieg kennt, zumindest – das ehemalige Jugoslawien will ich nicht vergessen – einen Krieg zwischen Großmächten. Vielleicht hat diese erstaunliche Tatsache bei uns die tiefe Überzeugung hinterlassen, dass wir, befreit von den Hemmnissen der Vergangenheit – etwa dem ETA-Terrorismus in Spanien –, von nun an in Sicherheit vor den Katastrophen leben würden, die über unseren Vorfahren zusammengeschlagen sind. Dieser unbegründete Optimismus bekam am 11. September 2001, als sich der radikale Islamismus in New York zu erkennen gab, erste Risse, und er wurde noch zerbrechlicher mit der ebenso unerwarteten Finanzkrise von 2008; doch niemand konnte ahnen, dass eine Pest biblischen Ausmaßes, die uns auf unbestimmte Zeit in den eigenen vier Wänden hält, unseren Optimismus vollends versenken würde.

          Der Schutz ist irrational

          Ivan Krastev hat gesagt, das Coronavirus werde den Nationalismus in Europa stärken. Das erscheint keine wagemutige Prognose: Alle großen Krisen der letzten zweihundert Jahre hatten diesen Effekt, etwa der Börsencrash von 1929 und natürlich auch der Zusammenbruch von 2008, die einzige Krise, die sich mit jener früheren vergleichen lässt. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Tiefe Krisen erzeugen Angst, und der Nationalismus präsentiert sich als Gegengift, indem er angesichts allgemeiner Unsicherheit den Schutz der durch Blutsbande geeinten Gemeinschaft anbietet.

          Leider ist dieser Schutz nicht nur irrational, sondern auch trügerisch, er beschirmt uns gegen gar nichts, jedenfalls viel weniger, als es der rationale Schutz der Bürgergesellschaft könnte, die auf den Verbindlichkeiten des Rechts beruht. Der schlagende Beweis dafür ist der Umstand, dass jedes Erstarken des Nationalismus in Europa viel schlimmere Konflikte ausgelöst hat als jene, die ihn allererst hervorriefen. So geschah es mit der Krise von 1929, die in den Zweiten Weltkrieg mündete, und wenn sich das Spiel 2008 nicht wiederholt hat, dann auch deswegen – obwohl die Europäische Union nicht ganz das ist, was wir uns wünschen würden, nämlich ein föderaler Staat –, weil die EU das Wiedererstarken des Nationalismus verhindert hat.

          Mein Fenster zur Welt

          Bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der ganzen Welt schauen für uns aus dem Fenster und beschreiben, wie das Virus ihr Land verändert.

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          Mit Kopfstößen einen Banksafe knacken

          Genau das also, wofür sie einmal geschaffen wurde. Wird es ihr gelingen, das weiterhin zu tun? Sollte die Corona-Krise die wirtschaftliche Dimension der Finanzkrise von 2008 annehmen, wie die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, fürchtet – wird die EU dann zwei aufeinanderfolgende Krisen dieses Kalibers verkraften können, wenn man bedenkt, dass vor zwölf Jahren der Euro selbst in Gefahr schien? Das ist für mich im Augenblick die alles entscheidende Frage. Denn eines scheint außer Zweifel zu stehen: Die großen Aufgaben der Gegenwart, wie diese Krise abermals lehrt, sind übernational, doch wir verfügen nur über nationale Mittel, sie zu lösen. Was ungefähr darauf hinausläuft, als versuchte man mit Kopfstößen einen Banksafe zu öffnen. Zu allem Überfluss machen die Politiker miserablen Gebrauch von unseren wenigen übernationalen Möglichkeiten – das hat die lahme, zögernde, ängstliche und unsolidarische Reaktion der EU auf die Pandemie abermals gezeigt. Seit die Krise zur Pandemie erklärt wurde, höre ich Leute sagen, eine Notsituation wie diese hole das Beste aus uns heraus. Aber das ist nur eine weitere Zurschaustellung von unbegründetem Optimismus. Das zumindest folgere ich aus der Krise von 2008, besonders aus der katalanischen Variante, die im Kern aus jener ersten entsprang. Deswegen zitiere ich für jeden, der es hören will, den Satz von George Orwell: „Wo sind die guten Menschen, wenn schlimme Dinge geschehen?“ Das ist natürlich eine rhetorische Frage. Orwell, der den Krieg erlebt hatte, wusste es ja: Wenn schlimme Dinge geschehen, gehen die guten Menschen mit ganz wenigen Ausnahmen entweder in Deckung oder halten den Mund – wenn sie nicht ihrerseits schlimme Dinge tun. Keine sehr optimistische Einschätzung, nein; hoffentlich können wir sie ausnahmsweise einmal widerlegen.

          Walter Benjamin hat geschrieben, Glück bestehe darin, ohne Furcht zu leben. In diesen Tagen lässt sich in Europa nicht mehr ohne Furcht leben (zumindest nicht ohne Furcht um das Leben vieler Menschen). Man darf es auch nicht: Mut besteht nicht darin, keine Angst zu haben – das wäre Tollkühnheit –, sondern darin, die Angst zu beherrschen, das Notwendige zu tun und einfach weiterzumachen. Nur darauf kommt es jetzt an.

          Aus dem Spanischen von Paul Ingendaay.

          Von Javier Cercas, Jahrgang 1962, erschien zuletzt auf Deutsch der Roman „Der falsche Überlebende“.

          In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

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