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„Das kunstseidene Mädchen“ : Macht es Ihnen eine Störung?

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Überhaupt Berlin: Die Stadt, die heute als Kulisse für das Sündenbabel der Goldenen Zwanziger in Serien, Büchern und Filmen wiedererrichtet wird, kann man hier noch im Originalzustand kennenlernen. Und etwas von der Überwältigung ahnen, die einen Neuankömmling inmitten der Vergnügungssucht und Untergangsangst befallen konnte. Doris liebt Berlin „mit einer Angst in den Knien“ und unternimmt, ein großartiger literarischer Einfall, für einen blinden Nachbarn Streifzüge durch die Stadt, um ihm anschließend davon zu berichten: „Ich gucke mir alle Straßen an und Lokale und Leute und Laternen. Und dann merke ich mir mein Sehen und bringe es ihm mit.“ Da ich kurz vor der Lektüre das Berlin der dreißiger und vierziger Jahre auf den Spuren Felix Hartlaubs erkundet hatte, war ich für dieses überlieferte Sehen besonders empfänglich. Wer die Schauplätze des Romans und die Lebensorte der Autorin heute wiederfinden will, hat übrigens Glück: In Michael Bienerts gerade im Verlag für Berlin-Brandenburg erschienenem reichbebilderten Band „Das kunstseidene Berlin“ ist beides möglich.

Am Ende des Buches ist Doris erschöpft und ernüchtert von der großen Stadt. Dass Irmgard Keun ihr bald darauf den Rücken kehrt, hat andere Gründe. „Sie wollen mich nun mal nicht in Berlin“, schreibt sie 1935 aus Frankfurt, nachdem ihr Antrag auf Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer wieder einmal abgelehnt worden ist, was im NS-Deutschland Publikationsverbot bedeutet. Ein bereits fertiger Roman darf nicht erscheinen und geht verloren. Als man sie für kleinere publizistische Beiträge mit einer Strafe von zweihundert Mark belegt, schreibt sie einem Brieffreund, sie habe angefragt, ob sie wenigstens auf den Strich gehen dürfe, um das geforderte Geld aufzutreiben.

Ein Jahr später, nach zermürbendem Warten und einem Selbstmordversuch, flieht sie nach Holland, veröffentlicht in rascher Folge Bücher, reist mit Joseph Roth durch das noch freie Europa und kehrt nach der Besetzung der Niederlande mit falschen Papieren nach Deutschland zurück, wo sie die Zeit bis zum Kriegsende an der Mosel und bei den Eltern in Köln übersteht. Aus den wiederaufgetauchten Briefen erfährt man etwas über das Dasein der einst berühmten Autorin in der nun feindlichen Heimat. Das Elend der Lage bestimmt den Ton des Schreibens, aber auch die lässige Eleganz, die Formulierungsgabe des „Kunstseidenen Mädchens“ leuchten immer wieder auf, etwa wenn es über einen allmählich lästig werdenden Ferienfreund heißt: „Er hat ja mal sehr belebend auf mich gewirkt. Aber das ist vorbei. Er war so wunderbar primitiv; so aus allernächster Nähe kannte ich solche Wesen noch nicht, und es war mir interessant. Und was mich wirklich interessiert, gefällt mir auch. Aber nun hab’ ich ihn sozusagen ausgelesen, und er ist eigentlich kein Buch, das ich noch mal lesen und immer wieder lesen könnte. Und ich war für ihn immer eine sehr anstrengende Lektüre.“

Nach dem Krieg kann Irmgard Keun nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Die Jahre der Flucht und des Untertauchens haben Spuren hinterlassen. Sie trinkt zu viel, lebt in Hotelzimmern und wird in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Der große neue Roman, aus dem sie Verlegern und Journalisten am Telefon vorliest, besteht nur aus leeren Seiten. Aber sie erlebt auch noch, dass ihre Bücher wiederentdeckt und gelesen werden. Doris, die junge unerschrockene Frau in unsicheren Verhältnissen, die sich nach Glanz und Geborgenheit sehnt und sich von niemandem etwas vormachen lässt, ist auch eine Figur für unsere Zeiten. Ein lebenskluges, lebensvolles Buch für alle, die sich nicht entmutigen lassen.

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