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Masha Gessen über Russland : Der Meister des Bösen aus Moskau

Sie bekam auch schon den National Book Award: Masha Gessen. Bild: Naima Green/The New York Times

Die Publizistin Masha Gessen beschreibt Russland als postkommunistischen Mafiastaat. Jetzt wird sie mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt.

          5 Min.

          Masha Gessen, die leidenschaftliche Kämpferin für Demokratie, Aufklärung, Menschen- und zumal Schwulenrechte, ist zweimal aus ihrer ersten Heimat Russland emigriert. In einer jüdischen Moskauer Familie 1967 zur Welt gekommen, zog sie 1981 als Kind mit ihren Eltern in die Vereinigten Staaten, um dem sowjetischen Antisemitismus zu entkommen, und kehrte, als Russland unter Boris Jelzin demokratisch werden zu wollen schien, 1991 als Journalistin für amerikanische und russische Medien zurück.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Masha Gessen, die einen russischen und einen amerikanischen Pass besitzt, machte sich die Hoffnungen des Aufbruchs Richtung Westen zu eigen, sie fand in Russland ihre Lebenspartnerin, adoptierte einen russischen Jungen, dessen Eltern an Aids gestorben waren. Zugleich dokumentierte sie in ihren Büchern den Ansehensverlust der Intelligenzia, huldigte den feministischen Politpunkerinnen von „Pussy Riot“, verfasste aber auch ein psychopolitisches Porträt von Wladimir Putin als einem von (Macht-)Gier getriebenen Mann, der nur auf Gewalt und Tücke vertraut.

          Kurz nach dessen Erscheinen 2013 übersiedelte sie mit ihrer Familie abermals nach New York, weil sie fürchtete, dass ihr infolge der neuen Gesetze gegen homosexuelle Propaganda und Adoptionen durch Amerikaner ihr Adoptivsohn weggenommen würde. In ihrem jüngsten Buch „Die Zukunft ist Geschichte“ versucht Gessen zu erklären, wie es kommen konnte, dass die Errungenschaften der neunziger Jahre, die Wirtschaftsliberalisierung, der Wiederaufstieg lange verbotener humanwissenschaftlicher Disziplinen in Russland wieder zurückgenommen wurden. Für den luziden, thesenstarken Text, der Familiendramen, Wissenschaftsjournalistik und politische Reportage miteinander verwebt, wird die Autorin morgen mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnet.

          Das Zurückgleiten in einen zyklischen Verlauf von Geschichte beschwört schon der Titel, der vergegenwärtigt, dass Russland in seine eigene Vergangenheit zurückrutscht, diese Vergangenheit zugleich glorifiziert und Zukunftshoffnungen zerstört. Gessen zeigt das am Beispiel von vier Menschen, die in den achtziger Jahren geboren wurden und mit denen sie intensive Interviews geführt hat. Zwei entstammen privilegierten Familien. Doch wie bei Gessens Kollegin Swetlana Alexijewitsch werden alle, um ihre Subjektivität herauszustellen, nur beim Vornamen genannt.

          Masha als Teil von Pussy Riot

          Da ist Serjoscha (die Koseform von Sergej), der Enkel des intellektuellen Perestrojka-Strategen Alexander Jakowlew, der sich vor seinem Tod 2005 über die Wiederkehr des Führerkults unter Putin entsetzt zeigte. Da ist Shanna, die Tochter von Boris Nemzow, dem vor vier Jahren ermordeten Putin-Gegner und einstigen Reformgouverneur von Nischnij Nowgorod, der eine Zeitlang als Kronprinz von Boris Jelzin galt. Die Moskauerin Mascha schließt sich nach Erfahrungen in der „grauen“ Finanzwirtschaft den Protestpunkerinnen von Pussy Riot und diversen Oppositionsführern an. Dem homosexuellen Ljoscha (die Koseform von Alexej) aus dem Ural gelingt in der vergleichsweise milden Zeit unter Dmitrij Medwedjew sogar der Coup, als Politologe mit dem Spezialgebiet sexuelle Minderheiten eine Universitätskarriere zu machen.

          Helden des historischen Dramas sind außerdem seine wissenschaftlichen Deuter. Am Beispiel der Psychoanalytikerin Marina Arutjunjan und des Soziologen Lew Gudkow erfährt man, wie die von der Sowjetmacht unterdrückte Psychologie und Soziologie, nicht zuletzt mit Unterstützung westlicher Kollegen, neu begründet werden. Der Leser verfolgt aber auch, wie der Vordenker der russischen Reaktion Alexander Dugin, der bis 2014 an der Moskauer Staatsuniversität lehrte, aus Gedankengut von Carl Schmitt und Martin Heidegger seine eurasisch-imperiale antiindividualistische Ideologie schmiedet. Wie bei manchen Journalisten, die vom demokratischen zum nationalistischen Lager wechselten, scheint bei dem lange philosophisch suchenden Dugin ein persönliches Trauma die Gesinnung mitgeformt zu haben. Gessen schildert, wie seine Jugendliebe die erste Homosexuellenvereinigung der Sowjetunion gründete – daraufhin sei er glühender Nationalist geworden.

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