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Martin Walsers Tagebücher : Mein achtzigster Geburtstag

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Freundlich rahmen mich Lawinen. Schluss mit den schmerzlichen Scheinbeziehungen. Kein Wort mehr von dir, mein Freund, kein Wort mehr, bitte. Halte dich zurück. Unterlass dieses donnernde Alsob. Wem rutsch ich weg? Wie viel Nichts lass ich zurück?

24. 3. 90. Sarn.

In San Bernardino, à 25 Franken. Ein voller Tag. Der Schnee wurde gerade noch weich. Kurze Rast auf der weißroten Felsklippe. Direkt vor der begrenzenden Wand.

Das macht dumm. Mild. Angenehm. Man denkt nicht über die Berge hinaus. Die Sonne versammelt die Gipfel um dich und läßt die Hänge gleißen. So viele sind selig hier. Es stört keiner den andern.

Siegfried aus der Karibik. Burgel Zeeh aus Frankfurt.

Am Waldrand entspringen die Rehe.

24. 3. 91. Sarn.

In Bivio, zweimal gefahren, oben hart, Mitte Firn, unteres Drittel weich und schwer. Die Sonne matt aus einer runden kleinen Luke wie aus einem Nebelgefängnis.

Die zwei südländischen Bedienungen im „Grischuna“, eine fast schwarz, aber mit rein griechischem Profil. Sie reduzieren alle Männer im Lokal auf einen Mann. D.h. es gibt zwischen uns, solange wir auf diese zwei Mädchen schauen, keinen Unterschied mehr. Höchstens, was die Trostlosigkeit angeht.

Herr Groffy: „Verteidigung der Kindheit“ ab 3. April in der F.A.Z. Bis in den Juli hinein.

Das Buch hat die Poren allmählich geschlossen. Es nimmt nichts mehr an und nichts mehr auf. Jetzt möchte ich wie der Seemann, bevor er ausfährt, Frieden schließen mit kommenden Stürmen. Meine Wohlgesonnenheit kennt wieder einmal keine Grenzen.

Diese Harmlosigkeitsstimmung, die jetzt möglich ist. Beim nächtlichen Aufwachen sieht man sich nicht sofort der letzten schmerzlichen Gemeinheit gegenüber, oder dem Tod. Man glaubt, man könne sich auf ihn einstellen, auch wenn sich herausstellen wird, dass alle Vorbereitung umsonst war und die krasse Unverhältnismäßigkeit des Sterbens alles zerschlägt, was man vorbereitet hat. Die Vorbereitung nachts in den Schlafpausen ist trotzdem eine schöne Passage des Lebens. Viel schöner als das grelle Hereinschießen der jeweils letzten Beleidigung. Daran wird im Lauf dieses Jahres kein Mangel sein. Aber jetzt bin ich noch unangegriffen, locker, ledig, lebendig.

Morgen nach Nußdorf. Mit Alissa Umschlag für „Verteidigung der Kindheit“.

24. 3. 1994.

Siegfried schickt durch Herrn Surdmann 6 Fl. Bordeaux 81: 2 St. Emilion, 2 Château-Figeac, 2 St. Estèphe (Château Monrose).

So. 24. 3. 1996.

Der Seidelbast, den wir vor 10 Jahren im Wald geholt haben, blüht. Der gekaufte nicht.

Wir haben gewählt. Nicht nach Parteien, sondern nach Personen. Und da mussten wir den Landwirt wählen, Herrn Beck. Er ist sicher von allen Kandidaten der einfachste, also der vertrauenswürdigste.

Gleich wie wir unser Dasein empfinden, ob als träges Durcheinander, das nach Katastrophen giert, oder als eine Gewalt, die uns nicht zu uns selbst kommen lässt, uns bis zu unserer Zerstörung von uns selbst ablenkt, unsere Unhaltbakeit erfahren wir alle.

Die Lasten, die mir aufgeladen werden, darf ich nicht zu einer Last werden lassen. Dann würde ich sie nicht mehr ertragen. Divide et . . .

Ich habe gewußt, warum ich unglücklich war. So gut wie keine Ablenkung mehr. Nur noch Hinlenkung.

Das strahlendste Frühjahr. Ich möchte am liebsten die Augen schließen. Für länger.

26. 3. 97.

Der Abend in Wasserburg am 24. 3. war schön. Als ich mir in der letzten Woche überlegte, was ich in dieser Situation, an diesem Abend sagen würde, merkte ich, dass ich gar nichts überlegen könne, weil ich nicht wisse, wie ich mich dann fühlen werde, an diesem Tag, an diesem Abend, in diesem Augenblick. Also unterblieb die Vorbereitung für eine Geburtstagsrede, zu halten vor 20 bis 25 Menschen. Siegfried hat schön gesprochen. Herr Teufel hat sehr schön gesprochen. Ulla Berkewicz, auf Helmut Jedele zeigend: Der Herr sieht aus wie ein Bruder von Peres. Als sie seinen Namen erfährt: Ein jüdischer Name? Nein, eine schwäbische Form von Ulrich.

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