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Martin Walsers Tagebücher : Mein achtzigster Geburtstag

  • -Aktualisiert am

Der Vortrag gestern könnte an den meisten vorbeigegangen sein.

Früher waren immer andere fünfzig, jetzt bist es du.

24. 3. 1980. Sarn.

Das Schwanenhaus-Manuskript per Eilboten nach St. Moritz an Siegfried 5 mal 50 Seiten, ziemlich genau. Aber es ist noch 10 bis 15 Seiten zu lang. Mehr als 225 Druckseiten sollten es nicht sein. Ausasten, jäten, stutzen, beschneiden.

Wenn man Musik hören will und durch jeden Ton nur an sich erinnert wird und dann überhaupt nicht mehr zuhören kann, und man merkt das und lenkt sich wieder zurück zur Musik und wird sofort wieder auf sich aufmerksam, denkt nur an sich, hört wieder nicht zu. Das Leben kann so dringlich werden, dass man keine Musik mehr hören kann. In einem brennenden Haus würde man ja auch keine Musik hören können. Wohl aber in einem abstürzenden Flugzeug.

24. 3. 85. Sarn.

Heute Siegfried. Er hat fertiggelesen: „Brandung“ ist dein bestes Stück. Macht es trotzdem sehr kurz. Er muß klagen und rühmen, was bei ihm zu klagen und zu rühmen ist. Hauptsächlich war er zwei Tage in Paris. Und überall war vor allem von „einer“ Figur die Rede. Ich denke schon, also von einer meiner Figuren kann dort die Rede nicht sein. Nein, von Siegfried hat mit dem Kulturminister Jacques Lang gegessen, über ein Livre d'Europe geredet. Wegen Metrostreik hatte er Taxiprobleme, also blieb nicht viel Zeit, über ein Buch zu reden, das er schnell und es damit abtuend zu meinem besten Stück erklärte. Das liegt alles an mir, an meiner kindischen Erwartung. Als gebe es Trost oder ein Entgegenkommen oder ein Verständnis, von dem man etwas hätte. Ich meine . . . ach, egal.

24. 3. 1986. Sarn.

Sonnig. Siebenmal gefahren. Walter Kappachers Modell. Wie einer Schriftsteller wird. Bei ihm so interessant, weil er wirklich versucht hat, kein Schriftsteller zu werden.

24. 3. 1987. Sarn.

Wie hell heute der firnende Schnee zischte und flutschte. Seit es wärmer ist, schleift das Licht die Berge, nichts lässt es aus.

Wir alle nach Chur, in den Duc de Rohan, Siegfried kommt, bringt Geschenke. Eine Rolex wie seine. Ein Farbglas, das bleigerändert ein großes NEIN zeigt, von Burgel und Walter Zeeh, das ich mir immer sichtbar ans Fenster hängen soll, um nicht zu oft JA zu sagen. Sicher das wichtigste Geschenk. In rotem Leder: Dorle und Wolf. Ein Lederbüchlein leer von Elisabeth Borchers. Die F.A.Z. mit einem leidigen Ueding-Artikel. Am Samstag der „Dorle und Wolf“-Verriss von Fuldt in der F.A.Z. Den müsse ich, sagt Siegfried, nicht lesen. Viel erzählt er von Thomas Bernhard, Peter Handke und von Hans Mayers 80. Geburtstag. Nachher noch zweimal Schach, er gewinnt. Je länger er da war, um so angenehmer war es.

Warum kann ich so wenig über die Abendgesellschaft beim Bundespräsidenten festhalten? Ich habe den Abend nicht nützen können. Eine allzu normale Lesung. Bebend vor weinerlicher Entrüstung nimmt der Staatssekretär a. D. Gaus zur Kenntnis, dass ich über sein Buch nichts schreiben werde. Nein, nein, wenn Sie nicht können . . . Es wäre zwar das Einzige gewesen, was sein Buch vor seinen Feinden hätte retten können . . . Aber wenn Sie nicht wollen . . . Man müßte als Zarathustra auftreten in einem solchen Kreis. Jeder kommt um seinetwillen dorthin. Und geht enttäuscht weg.

24. 3. 1988. Sarn.

Es schneit. 5 mal gefahren. Über Nacht 40 cm Neu-Schnee. Theresia übt Debussy: Il pleure mon coeur. So leer an diesem Tag. Von keiner Empfindung betrübt. Ganz von selber denke ich nichts. Kann sein, ich schwebe. Flocken zählen, meine Pflicht, den Tannen zuhören, wenn sie schweigen unter dem Schnee.

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