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Martin Walser zum Achtzigsten : Der Schwimmer vom Bodensee

  • -Aktualisiert am

Er bringt das Leben auf den Punkt: Martin Walser Bild: dpa

Das Alter steht ihm, aber es passt nicht zu ihm: Martin Walser wird achtzig. Sein Geburtstag ist eine Aufforderung, in den Spiegel zu schauen, den er uns vorhält. Eine Gratulation von Felicitas von Lovenberg. FAZ.NET-Spezial mit Videos.

          Martin Walser wird achtzig. Wenn man ihn sieht und liest und hört, muss man sagen: Das Alter steht ihm, aber es passt nicht zu ihm. Es ficht ihn an. Seine Revolte gegen das Undwenn und das Alsob, gegen alles, was vor-gedacht und -gefühlt und -behauptet daherkommt, erscheint nach wie vor so charakteristisch wie seine Sprache, jener Walsersche Ton, den man überall sofort erkennt: schwingend, nachdenklich, um Wahrhaftigkeit ringend - und seit dem Debütroman „Ehen in Philippsburg“ vor fünfzig Jahren geprägt von Drastik, Pathos und mancher Pose. Aber immer von einer Stärke und Vitalität, die weniger Intellektualität denn Lebensnähe atmete.

          Mag sein Geburtstag an diesem Samstag darum seit Wochen Anlass sein für Ehrungen, Theateraufführungen, Gedenkartikel und Sondersendungen - eigentlich ist er eine Aufforderung, über uns selbst nachzudenken, in den Spiegel zu schauen, den Walser uns vorhält. Ein ganzes Land hat stets hineingeschaut, mal belustigt, mal geschmeichelt, mal erschrocken - aber immer gebannt. Und immer schaute Walser ihm über die Schulter und musterte sich selbst.

          Schwache Helden

          Versuche der Selbstbestimmung durchziehen Walsers Werk, das mit gut zwanzig Romanen, zahlreichen Novellen, Erzählungs- und Essaybänden, Theaterstücken, Hörspielen und Tagebüchern von einer Ausdehnung ist, die allein schon etwas über den ausufernden, überschäumenden, neugierigen und sich keine Grenzen setzenden Charakter seines Verfassers verrät. Martin Walser ist ein Fragezeichen, kein Punkt. Ein Gedankenstrich, kein Semikolon. Doch was äußerlich wie pralle Energie und Lebenstüchtigkeit anmutet, findet seine Entsprechung in einer ausgesprochenen Abneigung gegen all die Starken, Gesunden, Erfolgreichen, die Karrieremacher und Anpasser.

          1962 bei der Verleihung des Gerhart-Hauptmann-Preises

          Martin Walser, dieser demütige Bewunderer von Hölderlin, Kafka und Robert Walser, hat stets schwache Helden geschaffen, Männer (und Frauen), die am Abgrund entlangschlittern und sich nie sicher sind, dass sie nicht stürzen werden. Sein Anselm Kristlein ist dem täglichen Existenzkampf letztlich ebensowenig gewachsen wie Helmut Halm („Ein fliehendes Pferd“, 1978) oder Susi Gern („Der Lebenslauf der Liebe“, 2001). Selbst Karl von Kahn, Protagonist des im vergangenen Jahr erschienenen Romans „Angstblüte“, als Münchner Anlageberater, rein äußerlich betrachtet, erfolgreich, entpuppt sich als schwach - und gerade so als enorm lebensfähige literarische Figur.

          Schwimmen im Leben

          „Wahrscheinlich lebt man gar nicht, sondern wartet darauf, dass man bald leben werde; nachher, wenn alles vorbei ist, möchte man erfahren, wer man, solange man gewartet hat, gewesen ist“, heißt es in „Ein springender Brunnen“ (1998). Der pointiert formulierte Lebens- und Selbstzweifel, Walsers Identifikation mit den Schwachen, Suchenden ist die rührende Seite einer Zutraulichkeit, die mit Vorliebe als Trotz daherkommt. Martin Walser ist zu ungeduldig, um es lange als Wartender auszuhalten; er marschiert dem Leben entgegen, nein: er schwimmt in ihm. In der Aufsatzsammlung „Die Verwaltung des Nichts“ von 2004 gibt es in „Aufgeschriebene Zeit“ eine Meditation über jene amphibienhaften Bewegungen, ohne die der Mensch untergehen und ertrinken müsste: „Schwimmend sind wir vollkommen im Jetzt. Sind etwas Schwebendes, Leichteres, Nirgendwohingehöriges. Allerdings sind wir doch äußerst verfügbar . . . Ohne Zentrum, weil ohne Schwerpunkt. Endlich der Gleichgewichtsverpflichtung enthoben.“

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