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Martin Walser im Interview : „Reichtum macht unabhängig. Aber auch hässlich“

  • Aktualisiert am

Martin Walser Bild: picture-alliance/ dpa

Die Wirtschaft hat Martin Walser sein Leben lang nicht losgelassen. In den 50er Jahren fand er Geld „zum Kotzen“. Heute sieht er im Reichtum den Ausdruck der Freiheit. Im Interview erklärt er, warum.

          8 Min.

          Die Wirtschaft hat Martin Walser (80) sein Leben lang nicht losgelassen. In den 50er Jahren fand er Geld „zum Kotzen“. Heute sieht er im Reichtum den Ausdruck der Freiheit. allemal gilt: Literatur, die nichts von Wirtschaft weiß, lügt. Walser bleibt produktiv: Am 21. September erscheint der zweite Band der Tagebücher. Und bald kommt wieder ein Roman.

          Herr Walser, die Wirtschaft ist unser Schicksal, hat Walther Rathenau gesagt. Stimmen Sie zu?

          Nicht in dieser Wortwahl. Was Wirtschaft ist, das ahnt man ja. Aber was ist schon Schicksal? Das ist mir zu opernhaft. Verdi: Die Macht des Schicksals.

          Die Gastwirtin Bild: dpa

          Was fasziniert Sie dann an der Wirtschaft? Alle ihre Romanfiguren stellen Sie in einen ökonomischen Zusammenhang.

          Ich habe mein ganzes Leben wirtschaftlich gehandelt - selbst zu einer Zeit, als ich das noch nicht hätte formulieren können. Als 14-Jähriger habe ich meinen Kohlehandel in Wasserburg geführt, von der Handarbeit bis zur Buchführung. Ich musste das tun. Es war Krieg, mein Vater war tot, mein älterer Bruder eingezogen. Als der Spuk vorbei war, kam die nächste wirtschaftliche Provokation: Die Währungsreform. Ich wusste nicht mehr: Mit welchem Geld sollte ich in Tübingen weiterstudieren?

          Als Freiberufler waren Sie Ihr eigener Unternehmer?

          Natürlich. Mit einem Unterschied. Ein Unternehmer würde nicht wirtschaftlich handeln zu einem Zwecke, der nicht in dem Handeln selber liegt. Mein Zweck war: Geld verdienen, um schreiben zu können.

          Ihnen lag nicht daran, den Profit zu maximieren, sondern sich eine Grundlage für die Kunst zu schaffen.

          Ja. Ich hatte bald geheiratet, wir bekamen ein Kind. Ich musste die Familie ernähren, also wirtschaftlich handeln. Als ich schon im Kulturbetrieb war, ein paar Preise hatte, aber noch nicht davon leben konnte, da hat mich der Wirtschaftsteil mindestens so sehr interessiert wie das Feuilleton.

          Was haben Sie auf den Wirtschaftsseiten gesucht: Stoff für Romane?

          Nein, ich wollte wissen, was läuft. Angeberisch könnte ich sagen, meine Lektüre ist im Laufe der Jahre immer seriöser geworden, so dass ich mir auch bei wirtschaftlichen Vorgängen eine Meinung erlaubt habe. Später habe ich den bedeutenden Wirtschaftstheoretiker Giersch kennengelernt. Dessen Werk, vor allem sein Buch "Das Ende der Nationalökonomie", hat mich bekehrt.

          Herbert Giersch streitet seit eh und je als liberaler Marktwirtschaftler für eine Wirtschaftsordnung, die Sie in den 60er und 70er Jahren abgelehnt haben.

          Ja, ja.

          Was hat sich seither geändert - Sie oder die Welt drum herum?

          Ich habe das, was Sie Marktwirtschaft nennen, damals von Seiten der Arbeitenden erlebt. Demokratie muss auch am Werktag Demokratie sein, war die Losung. Und da blieb für mein Denken keine andere Lösung als eine nicht profit-orientierte Wirtschaft. Dort stand Ludwig Erhard mit seinem Liberalismus, und da die Arbeitenden, die ihre Abhängigkeit nicht loswerden. Diese Haltung ist mir geblieben, das höchste Ziel der menschlichen Existenz bleibt Unabhängigkeit. Daran würde ich jede Gesellschaft messen.

          Warum ging gerade Ihre Generation, die mit dem Wirtschaftswunder zu Wohlstand kam, so hart mit dem Kapitalismus ins Gericht?

          Weil wir eine andere Perspektive hatten, von den Arbeitenden in Betrieben: Wie wird mit denen umgesprungen? Ich habe in Seelenarbeit über den Chauffeur Xaver Zürn geschrieben, der hat einen wunderbaren Chef, einen Mozart-Liebhaber. Aber dieser Dr. Gleitze sitzt hinten und gibt Anweisungen. Xaver denkt nachts an seinen Chef. Und er weiß: Der Chef denkt nicht an ihn. Das macht ihn krank.

          Diese Abhängigkeiten haben sich bis heute bewahrt, eine Firma ist immer noch eine autoritäre Institution.

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