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Kommentar : Der Gefühlspolitiker

  • -Aktualisiert am

Jetzt ist er dran: Martin Schulz bei der Buchvorstellung am Sonntag in Berlin. Bild: dpa

Er greift zum Herzen, beruft sich auf Kohl, gibt sich als Ehrenmann: Martin Schulz stellt in Berlin sein Buch „Was mir wichtig ist“ vor. Doch eine entscheidende Frage bringt ihn sekundenlang zum Schweigen.

          In Tagen wie diesen bekennt man sich besser sowohl zu Helmut Kohl als auch zur „Ehe für alle“. Zum großen Europa wie zum kleinen Familienglück. Dazu noch ein bisschen Schienbeintreten gegen die illiberalen Geisterfahrer im Osten und ein paar Rote Karten für die Isolationisten im Westen: Martin Schulz, der Ausputzer und Wadenbeißer. Man müsste sein gerade bei Rowohlt erschienenes Buch „Was mir wichtig ist“ einmal daraufhin untersuchen, wie stark hier der Fußball Vater vieler Gedanken ist.

          Schulz, der als junger Mann unbedingt Profikicker werden wollte und jetzt um die Kanzlerschaft spielt, hat viele Eigenschaften eines Fußballers beibehalten: Kondition, Ballkontrolle und immer ein paar Sprüche für die Kabine. Nur mit der Torgefährlichkeit hakt es im Moment. Als er am Sonntag bei der Buchvorstellung im Berliner Ensemble von der Moderatorin Amelie Fried gebeten wurde, in zwei Minuten klarzumachen, warum er der bessere Kanzler sei, sagte er erst einmal gar nichts. Schwieg für sechs, sieben quälend lange Sekunden. Und als er dann endlich anfing zu sprechen, klang das eher nach Papiertröte als nach Vuvuzela.

          Hier folgt er Helmut Kohl, nicht Helmut Schmidt

          Schulz erklärte, dass er näher an den Menschen dran sei als Angela Merkel und sich dazu noch international gut auskenne. Für seine zwei Kompetenzsphären, die Kommune und Europa, bemühte er sogar den Koselleckschen Begriff des „Erfahrungsraums“. Um dann wieder im Tonfall der Leichten Sprache zu resümieren, dass Frau Merkel das Land ja zwölf Jahre „ganz gut“ regiert habe, aber jetzt er dran sei.

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          Nach dieser flammenden Rede müsse Frau Merkel nun eigentlich sofort zurücktreten, bemerkte die Moderatorin sarkastisch. Woraufhin Schulz murmelte: „Ja, das wäre eine große Geste.“ Weil man sich aber auf Gesten nie hundertprozentig verlassen kann, braucht es zur Sicherheit noch etwas anderes: Visionen. In diesem Punkt folgt Schulz nicht seinem Genossen Helmut Schmidt, sondern dem soeben verstorbenen „großen Mann“ Kohl. Für Schulz unvorstellbar, dass er diese Epochenfigur als junger Würselener Bürgermeister noch heftig bekämpft hatte.

          Im Zweifelsfalle wiegt die Liebe schwerer

          Heute ist Kohl in aller Jubelmunde, und auch Schulz beruft sich auf ihn: „Europa muss mehr sein, als es heute ist.“ Eben ein Bollwerk gegen Kapitalismus-Diktaturen, mit denen wir nur Handel treiben sollten, wenn wir auch „unsere Grundrechte dorthin exportieren“. Polen und Ungarn würde Schulz als deutscher Kanzler die EU-Mittel streichen, wenn sie bei der Flüchtlingspolitik nicht parierten. Im Zeichen des Guten darf man auch mal unbürokratisch großmännisch werden. Die Daumenkuppen aneinandergepresst – auch in der Körpersymbolik kein Gegenmodell, sondern nur eine Spielart zu Merkel –, sitzt Schulz da und pariert Fragen durchaus auch selbstironisch. Für „Sparkassenangestellte“, mit denen er wegen seines biederen Aussehens ja oft verglichen werde, hege er durchaus Sympathien.

          Nach seinem Herz braucht Martin Schulz nie lange zu suchen, denn er greift oft und gern danach. Als die Moderatorin ihn auffordert, zu schwören, dass er sein neues Buch selbst geschrieben habe, klappt er das Jackett zur Seite und legt seine Rechte an die Brust. Ein Ehrenmann, kein Falschspieler. Auch in der Partnerwahl? Die Alternative sei Schwarz-Gelb oder Rot-Grün, sagt Schulz. Die von den Grünen gerade zur Koalitionsbedingung erhobene „Ehe für alle“ habe die SPD schon längst im Programm. Im Zweifelsfalle wiegt die Liebe eben doch schwerer als alles andere. Jedenfalls für einen Gefühlspolitiker wie Martin Schulz.

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