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Martin Heideggers Schwarze Hefte : Die Endschlacht der planetarischen Verbrecherbanden

Dass durch höchste Vollendung der Technik „sich die Erde selbst in die Luft sprengt und das jetzige Menschentum verschwindet“, ist für Heidegger, der es abzusehen meint, „kein Unglück“, sondern „die erste Reinigung des Seins von seiner tiefsten Verunstaltung durch die Vormacht des Seienden.“ Es geht ein erheblicher Hass durch den Text. Peter Trawny spricht von einem „seinsgeschichtlichen Manichäismus“.

Die Juden sind ihm eine Verbrecherbande von vielen

Für jene Reinigung des Seins sah Heidegger als Reinigungskräfte die Deutschen vor, deren Bestimmung mit dem „Geschick des Abendlandes“ zusammenhänge. Ohne dass er noch große Hoffnungen darauf setzte, frischt sich dieses Phantasma in den „Überlegungen“ mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs auf.

Nun gibt es vor allem einen Feind: die Engländer. Die sind sogar ein ganzes Feindkonglomerat: „Die bürgerlich-christliche Form des englischen ,Bolschewismus‘ ist die gefährlichste.“ Denn sie haben die Maschine, die Demokratie und den Utilitarismus erfunden, der in den Pragmatismus mündet.

Heidegger lässt wirklich keine Denkmöglichkeit unversucht: „Kann es Zufall sein, dass mein Denken und Fragen im letzten Jahrzehnt einzig in England stets abgelehnt und auch keine Übersetzung versucht wurde?“

Und hier erst verdichten sich die Passagen über das Judentum. Im Kampf zwischen Deutschen, „Russentum“, Bolschewismus und Amerikanismus sind die Juden für Heidegger ein Teilnehmer. In diesem Zusammenhang macht er die niederträchtige Bemerkung, der Nationalsozialismus wende „uneingeschränkt“ dasjenige „Rasseprinzip“ an, das die Juden schon lange praktizierten - wollte sagen: die Nürnberger Gesetze „zum Schutze des deutschen Blutes“, wie es im Gesetzestitel hieß, sind eine radikale Variante der (unterstellten) Endogamie im Judentum. Deswegen (!) wehrten sich die Juden dagegen. Heidegger nimmt also, in den Worten Trawnys, eine „seinsgeschichtliche Konkurrenz“ zwischen beiden an. Dass es deutsche Juden gibt und dass „Nationalsozialisten“ kaum die Bezeichnung einer Ethnie sein kann, gerät in diesem ebenso widerwärtigen wie absichtsvollen Begriffsdurcheinander ohnehin aus dem Blick.

Für wen waren diese Schriften bestimmt?

Der Antisemitismus Heideggers erscheint hier also unabweisbar. Zugleich zeigt er sich als Element einer privaten Mythologie planetarischer Verbrechergruppen - Engländer, bürgerliche Christen, aber auch ungeistige Nationalsozialisten, die sich zu den Deutschen verhalten wie die Bolschewisten zu den Russen -, die eine Schlacht ums Überleben und gegen das „Seyn“ austragen.

Diese Mythologie wird erst akut und verdichtet sich bei Heidegger im Zuge des Zweiten Weltkriegs. Im engeren Sinne handelt es sich nicht um Philosophie, denn es gibt weder Argumente noch Reflexion. Heidegger genügen ein paar hingeworfene Sprüche. Mehr gab es dazu wohl auch nicht. Und obwohl der Herausgeber der Schwarzen Hefte recht haben dürfte damit, dass sie auf eine Veröffentlichung hin geschrieben wurden, bleibt es rätselhaft, welche Leser sich Heidegger für diese schlechte und in vielen Passagen auch böse Literatur der Gattung „Non-Science-Fiction“ vorgestellt haben mag.

Heute sind die „Überlegungen“ jedenfalls nur noch ein historisches Dokument. Insofern geschieht es diesen Werken Heideggers recht, wenn fast nur noch über ihren Autor und nicht mehr mit ihnen diskutiert wird.

Lohengrin, Panzerwagen und Flugzeuggeschwader sind dasselbe

 „Was jetzt geschieht, ist das Ende der Geschichte des großen Anfanges des abendländischen Menschen, in welchem Anfang der Mensch zur Wächterschaft des Seyns berufen wurde, um alsbald diese Berufung umzuwandeln in den Anspruch der Vor-stellung des Seienden in seinem machenschaftlichen Unwesen. (. . .) Sobald das Geschichtslose sich ,durchgesetzt‘ hat, beginnt die Zügellosigkeit des ,Historismus‘ -, das Bodenlose in den verschiedensten und gegensätzlichsten Gestalten gerät - ohne sich als gleichen Unwesens zu erkennen - in die äußerste Feindschaft und Zerstörungssucht. Und vielleicht ,siegt‘ in diesem ,Kampf‘, in dem um die Ziellosigkeit schlechthin gekämpft wird und der daher nur das Zerrbild des ,Kampfes‘ sein kann, die größere Bodenlosigkeit, die an nichts gebunden, alles sich dienstbar macht (das Judentum).“ (Überlegungen VIII, 1938/39)

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„Die höchste Form der Erklärung und deshalb immer noch Erklärung ist die Verklärung. Denn dieser geschichtslose, aber durch und durch historische Mensch ist keineswegs ein nüchterner Rechner, in ihm feierte die Romantik ihren höchsten Triumph; die Musik, das Wort- und Wahrheitslose, aber durch und durch Gerechnete und doch an das ,Leben‘, den Leib gehende, wird ,die‘ Kunst, die alle Künste in sich und um sich versammelt; d.h. die Kunst wird zur téchne im Sinne der Technik, politisch bestellt und berechenbar, ein Mittel unter anderen zur Handlichmachung des Vorhandenen und zwar in der Weise der Verklärung. ,Lohengrin‘ und immer wieder ,Lohengrin‘ und Panzerwagen und Flugzeuggeschwader gehören zusammen, sind dasselbe.“ (VIII)

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„Die ,Kultur‘ als Machtmittel sich anzueignen und damit sich behaupten und eine Überlegenheit vorgeben, ist im Grunde ein jüdisches Gebaren. Was folgt daraus für die Kulturpolitik als solche?“ (X)

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„Man predigt ,Blut und Boden‘ und betreibt eine Verstädterung und Zerstörung des Dorfes und des Hofes in Ausmaßen, wie sie vor kurzem noch niemand zu ahnen vermochte.“(XI)

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„Warum ist der ,Pragmatismus‘ eine ,Lehre‘ und ,Weltanschauung‘, die besonders in ,Amerika‘ ihre Ausbildung und Anhängerschaft fand? Nicht weil die Amerikaner besonders auf das ,Nützliche‘ erpicht sind, sondern weil sie das Menschentum auf der rationalen Sicherung und Berechnung und weitgespannten Einrichtung und Planung aufbauen.“ (XII)

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„Die zeitweilige Machtsteigerung des Judentums aber hat darin ihren Grund, daß die Metaphysik des Abendlandes, zumal in ihrer neuzeitlichen Entfaltung, die Ansatzstelle bot für das Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit, die sich auf solchem Wege eine Unterkunft im ,Geist‘ verschaffte, ohne die verborgenen Entscheidungsbezirke von sich aus je fassen zu können. Je ursprünglicher und anfänglicher die künftigen Entscheidungen und Fragen werden, um so unzugänglicher bleiben sie dieser ,Rasse‘.“ (XII, 1939)

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„Die Juden ,leben‘ bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen die uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzen.“ (XII) *** „Gleich wahnwitzig - d.h. Verkehrung innerster Wesensverhältnisse - ist es, den Bolschewismus durch das Rasseprinzip bekämpfen zu wollen (als ob nicht beide in grundverschiedener Gestalt doch dieselbe metaphysische Wurzel hätten) und das Russentum durch den Faschismus zu retten trachten, (als ob nicht beides durch einen Abgrund verschieden, jede Wesenseinheit ausschlösse.) (XII)

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„Die Spitze der Technik ist nicht erreicht in der vollendeten Einrichtung von Maschine und Motor, sondern dann, wenn der ,Mythos‘ und was man so nennt, zum Gegenstand der Berechnung gemacht wird und das Tragische der dramaturgischen Errechnung ausgeliefert wird.“ (XIV, 1940/41)

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„Die Frage nach der Rolle des Weltjudentums ist keine rassische, sondern die metaphysische Frage nach der Art von Menschentümlichkeit, die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als ,weltgeschichtliche‘ Aufgabe übernehmen kann.“ (XIV, 1940)

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„Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland herausgelassenen Emigranten, ist überall unfaßbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern.“ (XV, 1941)

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