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Martin Heideggers Schwarze Hefte : Die Endschlacht der planetarischen Verbrecherbanden

Nun hält Heidegger fest, dass die Hetze gegen den „Intellektualismus“ nicht viel wert ist, wenn sie von Leuten erfolge, die derselben „Machenschaft“ anhängen, und dass „Blut und Boden“ nur eine „aufgedonnerte Redensart“ ist, wenn zugleich der Rundfunk in den Dörfern vordringt. (Dass im Zuge von Bleibeverhandlungen, deren Motiv er in „Warum bleiben wir in der Provinz?“ per Rundfunk als solche der Bodenhaftung im Ursprünglichen verkaufte, seine Todtnauberger Hütte elektrifiziert wurde, ist nur eine, aber immerhin hübsche Anekdote zu einer privaten Version dieser Doppelmoral.)

Kulturpolitik und Historie als Feindinnen der Philosophie

Die eigenen aufgedonnerten Redensarten von 1933/34 hatte Heidegger bei all dem nicht mehr im Ohr. Denn Einwände, gar Vorwürfe macht sich er nie; der Irrtum seiner Freiburger Rektoratsrede von 1933, notiert er, sei gewesen, einer Anstalt Besinnung zuzumuten.

In vergleichbarem Sinn formuliert er später: „Regieren (rex) heißt Königsein: aus solchem Sein königlich handeln.“ Heute gebe es hingegen nur noch behördliches Verwalten. Er philosophiert sich also völlig anschauungsfrei einen Begriff zusammen, erlebt eine abweichende Wirklichkeit und zieht sich daraufhin als Regent in sein erfundenes Reich zurück, in dem er mangels Mitbewohnern das zweifelhafte Privileg der Alleinherrschaft genießt.

Doch zurück zur Frage des Antisemitismus. Es sind zunächst nicht in erster Linie Personengruppen oder Ethnien, denen die Angriffe Heideggers in den Schwarzen Heften gelten. Sofern er nicht - in unglaublicher Redundanz und fast ohne jede Entwicklung - der Aufgabe der Philosophie nachdenkt, dem Sein zu entsprechen, die Stille zu bedenken, an Hölderlin sowie die griechischen Anfänge des Denkens zu erinnern und dadurch (!) die Ankunft von Göttern vorzubereiten, attackiert er vor allem die Kulturpolitik - also den staatlich begünstigten Einsatz von Geist wie Kunst zu Konsumzwecken -, die Wissenschaften und die Massenmedien.

Dabei reserviert er sich auch die Kritik daran. Die Zeitungsschlagzeile „Die Welt erlebt Schmeling“ kommentiert er so: Schlimmer als Kultur als Erlebnisveranstaltung sei der christliche Widerstand dagegen. Denn der christliche Kulturbetrieb, wird erwogen, sei vielleicht „nur die als Lichtseite ausgegebene Kehrseite dessen ... was der Bolschewismus als Kulturzerstörung betreibt“.

Besonders der Historismus wird über Hunderte von Seiten hinweg immer wieder als Grundübel bezeichnet. Eine Bemerkung, die er mehrfach macht, lautet: „Die Technik ist die Historie der Natur“, was heißt, dass sich die Technik in der Natur genauso zerstörerisch auswirkt wie die Historie in der Geschichte und ihr genauso inadäquat ist.

Das Motiv für dieses Urteil liegt auf der Hand: Heidegger kann verständlicherweise Kenntnisse über die von ihm negativ wie positiv stereotypisierten Epochen nicht gebrauchen. So wenig wie „Kunsthistorie“, die er einmal als das Allerschlimmste bezeichnet. Warum? Weil sie einem Philosophen, der behauptet, van Gogh habe Bauernschuhe gemalt, eventuell demonstrieren könnte, dass es van Goghs eigene Schuhe waren?

Endreinigung des Seyns inbegriffen

Es geht eine erhebliche Aggressivität durch den Text, der in vielen Passagen zu verstehen gibt, was alles zugrunde gehen müsste, damit ein dem „Seyn“ entsprechendes Verhalten aufkommen könnte. Was in den Anfängen Heideggers als destruktive Interpretation von Texten, die von ihren verharmlosenden Überformungen befreit werden sollten, erschien und eine halbe Generation deutscher Philosophiestudenten an ihn band, wird hier giftig.

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