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Martin Halter : Himmelstor: Horvaths „Legende vom Fußballplatz“

  • Aktualisiert am

Ödön von Horvath Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Ödön von Horvaths „Legende vom Fußballplatz“ ist kein Kindertotenlied, sondern die Fieberhalluzination eines Fans, geträumt auf den Federwölkchen unschuldiger Phantasie.

          Als Ringelnatz den Fußballwahn entdeckte und Brecht „mehr guten Sport“ für den Baal im Manne forderte, machte sich Ödön von Horvath ganz klein. Sport war für ihn Ausdruck einer „völlig ungeistigen Individualität“, und deshalb enden die meisten seiner 19 Sportmärchen tragisch: Hoch- und Turmspringer stürzen ab, der Ringer wird vom Tod aufs Kreuz gelegt.

          Seine „Legende von Fußballplatz“ dagegen ist ein traurig-schönes Märchen, das nur am Kitsch vorbeischrammt, weil es Dummheit, Trübsal und Elend nicht ausspart. Horvath selber hat es so geliebt, daß er es später in „Jugend ohne Gott“ variierte und an den Anfang seines Dramas „Himmelwärts“ stellte. „Brav, sehr brav!“ sagt Petrus dort, „dafür bekommst auch was besonders Schönes.“

          Göttliches Kopfballspiel

          Hans, ein siebenjähriger Bub, der kein Fußballspiel versäumt, holt sich im nassen Gras hinter dem Tor den Tod. Ein Engel führt Hansl himmelwärts, herrlich gegürtet wie eine Allegorie des Fußballs aus Andre Hellers ausgefallener WM-Gala: Seine Flügel leuchten in den Vereinsfarben von Ober- und Unterhaching, sein Kopfballspiel ist göttlich. „Seine schmalen Füße staken in purpurnen Fußballschuhen; an silberner Sternenschnur hing um seinen Hals eine goldene Schiedsrichterpfeife.“

          Wenn Engel Fußball spielen, gelten keine irdischen Regeln mehr. Neunzig Minuten sind eine Ewigkeit, das Spielfeld ist das All. Aber wenn ein Himmelsstürmer den Ball in die Milchstraße kickt, pfeift der Schiedsrichter „wegen unfairer Kampfesweise“ ab. Alles geht reell zu, auch im sinnlosesten Sport: Fußball bleibt auch hinter dem Himmelstor ein Kampf auf Biegen und Brechen. Hänschen will nicht mitspielen; seine „unermeßliche Seligkeit“ liegt im Zuschauen. Freilich nicht mehr im Abseits, wo die Fieberhexe lauert, sondern auf einem Ehrenplatz an der Sonne: Tribüne, Erste Reihe, Mitte.

          Horvaths „Legende“ ist kein Kindertotenlied, sondern die Fieberhalluzination eines Fans, geträumt auf den Federwölkchen unschuldiger Phantasie. Auf der Erde tummeln sich Rumpelfüßler, Fachsimpel und ruppige Aufseher, und Torwarttitanen schwadronieren von Siegen und unverdienten Niederlagen auf Malta. Nur im Himmel gilt, was Pele einst als Erfolgsgeheimnis des Fußballs beschrieb: „Große Kinder spielen, und große Kinder schauen zu.“ Wenn wir Weltmeister werden, ist es ein Wunder. Wenn Borneo II gegen Alaska verliert, ohne daß sich erwachsene Männer in „ungeheuerlichsten hochdeutschen Fachausdrücken“ und „trüben Weissagungen“ spreizen, ist es ein bezauberndes Märchen.

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