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Marquis de Sade wird Kulturgut : Die Rolle bleibt!

Hat eine abenteuerliche Reise hinter sich: “Hundertzwanzig Tage von Sodom“, das Originalmanuskript vom Marquis de Sade. Bild: HANDOUT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Über Jahrhunderte wechselte das Manuskript seinen Besitzer, jetzt hat der französische Staat es weiteren Versteigerungen entzogen. De Sades „Hundertzwanzig Tage von Sodom“ werden nationales Kulturgut.

          Die abenteuerliche Geschichte dieses Manuskripts begann in der Nacht auf den 3. Juli 1789, als ein Häftling des Pariser Bastille-Gefängnisses Hals über Kopf abtransportiert wurde. Kurz zuvor nämlich hatte Donatien Alphonse François Marquis de Sade im Zorn – der Spaziergang war ihm wieder einmal untersagt worden – durch ein Blechrohr hinunter auf die Straße gebrüllt, dass die Gefangenen massakriert würden. Zurück in seinen Räumen blieb ein noch nicht abgeschlossener Text, der zu seinem berühmtesten werden sollte: „Hundertzwanzig Tage von Sodom“, reingeschrieben in winziger Schrift auf einen schmalen, zwölf Meter langen und um eine Rolle gewickelten Papierstreifen, um das Manuskript leichter verstecken zu können. Der Marquis sah es nicht wieder. Aber gefunden wurde es und blieb zuerst einmal über mehrere Generationen im Besitz einer französischen Familie, bevor es um 1900 der Berliner Sexualwissenschaftler Iwan Bloch kaufte. Nach dessen Tod reiste es zurück nach Frankreich, kam in die Sammlung von Charles de Noailles, dessen Ehefrau Marie-Laure eine Nachfahrin Sades war. Nach dem Tod des Ehepaars landete die Rolle auf unrechtmäßigen Wegen bei einem Schweizer Erotika-Sammler, dessen Erben sie vergeblich der Bodmeriana in Genf anboten. Stattdessen ging sie nach Auflösung der inzwischen aufgelaufenen juristischen Schwierigkeiten an den Pariser Unternehmer Gérard Lhéritier, der eine Gesellschaft mit Namen „Aristophil“ zum Zweck renditenträchtiger Kapitalanlagen in Form von Autographen gegründet hatte.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit betrügerischen Absichten, wie die französische Justiz ihm 2015 vorhielt. Der Bankrott war nicht mehr abzuwenden, die Bestände der Gesellschaft werden vom Ende dieses Jahres an in einer Serie von Auktionen veräußert. Jedoch nicht Sades Rolle, die gleich bei der ersten dieser Versteigerungen angeboten werden sollte. Denn der französische Staat hat sie nun, wie das beauftragte Auktionshaus bestätigt, zum nationalen Kulturgut erklärt und der Versteigerung entzogen, gemeinsam übrigens mit Manuskripten von André Bretons „Manifesten“ des Surrealismus.

          Und weil in deren erster Fassung aus dem Jahr 1924 ja auch der Marquis bemüht wird – „Sade ist surrealistisch im Sadismus“ – trifft sich das gar nicht schlecht. Acht Millionen Euro, so heißt es, will der Staat für die Rolle ausgeben, und dreißig Monate hat er jetzt Zeit, um Mäzene für den Ankauf zu finden. Diesmal also scheint es in Paris auf eine endgültige Rückkehr des rebellischen Marquis, der mehr als ein Drittel seines Lebens hinter Gefängnis- und Anstaltsmauern verbrachte, hinauszulaufen.

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