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Buch über Papst-Orden : Drei Jesuiten, vier Meinungen

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Dieser Jesuit dürfte jedem bekannt sein: Papst Franziskus. Bild: AP

Und über allem schwebt ein optimistisches Menschenbild: Markus Friedrich erzählt die Geschichte eines ziemlich bunten Ordens, um den sich immer auch Gerüchte rankten.

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          Wissenschaftliche Darstellungen der Geschichte des Jesuitenordens kamen früher fast nur von Jesuiten. Außenstehende lieferten populäre Werke, manchmal polemisch, manchmal mit Sympathie geschrieben, aber doch eher oberflächlich und kaum dem Selbstverständnis des Ordens entsprechend. Dies hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Markus Friedrich, Ordinarius für europäische Geschichte der frühen Neuzeit in Hamburg, legt nun eine historische Gesamtdarstellung zumindest der alten Gesellschaft Jesu bis zu ihrer päpstlichen Aufhebung (1540 bis 1773) vor, die ihre erstrangige Bedeutung für längere Zeit behalten dürfte.

          Die Vorzüge des umfangreichen Buches sind vielfältig: wissenschaftlich gestützt auf die neueste Literatur und zum Teil auf eigene Archivforschungen, dabei alle Nationen und Sprachbereiche berücksichtigend, außerdem leicht zu lesen, vor grundlegenden historischen Fragen nicht ausweichend und bei aller durchgehend zu spürenden Sympathie auch problematische Seiten nicht verschweigend.

          „Es gibt nicht den Jesuiten“

          Ein Merkmal des Ordens, das immer wieder hervortritt, ist seine ungeheure Vielfalt. „Es gab und gibt nicht den Jesuiten, und es gab und gibt auch, vom juridisch-institutionellen Sinn einmal abgesehen, nicht den Jesuitenorden“. Die jesuitische Selbstkarikierung „Drei Jesuiten, vier Meinungen“, hier zitiert, kann der Rezensent sowohl als Historiker wie als Mitglied des Ordens nur bestätigen.

          Entsprechend werden auch immer wieder untypische Jesuiten oder weniger bekannte Aktivitäten und Seiten (so neben der asketischen die mystische) behandelt. Bei den verschiedensten Tätigkeitsbereichen, von der konkreten Pastoral über den Kampf gegen die Reformation bis zu den Missionen, spielen globale Prinzipien oft eine geringere Rolle als Situationsbedingtheit und persönliche Konstellationen. Dies gilt auch für das komplexe Verhältnis zum Protestantismus und den Protestanten: Hier war die konkrete Alltagssituation oft maßgebender als allgemeine Prinzipien.

          Die Seelsorge steht vorne an

          Freilich gibt es einen dominanten Wesenszug jesuitischer Seelsorge, welcher die Jesuiten auch in allerlei inner-katholische Konflikte verwickeln sollte: ein letztlich optimistisches Menschenbild. Ziel war Weckung einer positiven Grundstimmung, Glauben als Trost (consolatio) und Frohbotschaft. Beichte sollte gerade nicht ein furchteinflößendes Geschehen sein, der Beichtvater nicht „wie ein Inquisitor vorgehen“, sondern seelsorgliche Hilfe und der tröstliche Aspekt sollten im Vordergrund stehen. Viel erfährt man auch über Seelsorge an Randgruppen wie Prostituierten, Soldaten, Sträflingen. Zum hochbrisanten Thema der jesuitischen Hofbeichtväter: Manche übten Macht aus, andere wurden manipuliert oder standen am Rande; das hing letztlich vom Herrscher ab. Jedenfalls gab es hier keine einheitliche jesuitische Politik, eher geriet der Orden in viele Antinomien und Loyalitätskonflikte.

          Die jesuitischen überseeischen Missionen, in einzelnen Aspekten (Hofastronomen in China, Duldung der Ahnenverehrung im „Ritenstreit“, „Jesuitenstaat“ in Paraguay) damals umkämpft, heute als Modelle der „Inkulturation“ gepriesen, sind vor allem Ergebnis eines langwierigen historischen Lernprozesses der Kombination globaler Erfahrungen mit lokaler Anpassung. Jesuitische Anpassung ist weniger ideologisch als pragmatisch, hängt freilich auch zusammen mit der Indienststellung alles Geschaffenen für Gott, einer Seelsorge, die auf das Subjekt abzielt, und einem im Letzten positiven Menschenbild.

          Wissenschaftliche Spitze Europas

          Der Jesuitenorden als Instrument des Wissenstransfers: Viele seiner Kollegien waren Forschungszentren und Knotenpunkte frühneuzeitlicher Gelehrsamkeit. Und bis mindestens um 1700 gehörten die Jesuiten trotz aller manchmal bestehenden Spannung zwischen Forschung und offiziellen Vorgaben zur wissenschaftlichen Spitze Europas. Die weltweite Kommunikation des Ordens bewirkte, dass in seinen Strukturen wie sonst in keinem Medium Wissen um die ganze Welt floss. Wer etwas über fremde Länder oder Kulturen, Fauna und Flora, wissen wollte, dem standen Informationen zur Verfügung, die zumeist wenigstens indirekt durch jesuitische Kanäle vermittelt waren.

          Er wurde im Oktober zum neuen Generaloberen der Gesellschaft Jesu gewählt: Pater Arturo Sosa.

          Der allmählich beginnende Niedergang, der den Orden als Feind der Humanität, der Aufklärung und des Fortschritts erscheinen ließ, zu staatlicher Unterdrückung und schließlich unter staatlichem Druck 1773 zu seiner päpstlichen Aufhebung führte, wird in seinen vielfältigen Aspekten dargestellt. Ein pauschaler Gegensatz zwischen Jesuiten und Aufklärung bestand nicht vor der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.

          Frömmigkeit statt Aufklärung

          Freilich ging ihm eine Dauer-Spannung voraus: Die Aufklärung wurde nie so wie die Synthese von Humanismus und Spätscholastik Teil der kollektiven Identität des Ordens, und vor allem die „Ratio studiorum“, der Studienplan, wurde nicht an die neue Kultur angepasst. Im Zuge der Radikalisierung der Aufklärung wurde diese prekäre Verbindung seit um 1750 zur tödlichen Feindschaft.

          Eine weitere Hypothek ist seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts der Kampf gegen den Jansenismus. Er führte zu einer Verengung des theologischen Problembewusstseins. Hinzu kamen weitere Entwicklungen: nach 1700 eine Frömmigkeitstendenz, die nach Nüchternheit und Strenge rief und welcher die Jansenisten mehr entsprachen; die Tatsache, dass die jansenistische Partei die moderneren Medien einsetzte: „Das Feld gefälliger Literatur haben die Jesuiten nie betreten“, stellt der Autor fest. Und in der Endphase des Existenzkampfes des Ordens fehlten Flexibilität und eine gemeinsame Verteidigungsstrategie.

          Und dann kommt der Papst

          Hier möchte der Rezensent noch einen Faktor stärker gewichten, den der Autor berührt, jedoch nicht näher ausführt: die Verbindung von (Spät-)Jansenismus und katholischer Aufklärung. Obwohl das pessimistische Menschenbild des ursprünglichen Jansenismus in diametralem Gegensatz zur Aufklärung stand, verbanden beide die Tendenz zu einer „gereinigten“ Frömmigkeit, der traditionskritische Akzent und die Rückkehr zur „alten Kirche“. All dies stand in Kontrast zu den jesuitischen „Regeln zum Fühlen in der Kirche“. Und dieses Gemisch ist für die Gesellschaft Jesu tödlich geworden.

          Der Titel des Buches verspricht eine gleichwertige Darstellung der neuen Gesellschaft Jesu seit 1814. Freilich sind nur siebenundzwanzig Seiten dem neuen Orden gewidmet, die allerdings immer noch einen guten Überblick vermitteln und selbst für das vielgescholtene neunzehnte Jahrhundert die Pluralität und das moderate Aufgreifen moderner Anliegen hervorheben. Und mehr ist einfach nicht möglich: Nur wenige Regionen des Ordens bieten Vorarbeiten, die Material für eine ähnlich umfassende wissenschaftliche Gesamtdarstellung liefern. Nicht zuletzt der Schlusspassus über Papst Franziskus als Integrationsfigur in der Auseinandersetzung um die Befreiungstheologie ist lesenswert. Wünschenswert wäre allenfalls noch neben dem Personenregister ein Sachregister gewesen.

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