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Buch über Papst-Orden : Drei Jesuiten, vier Meinungen

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Wissenschaftliche Spitze Europas

Der Jesuitenorden als Instrument des Wissenstransfers: Viele seiner Kollegien waren Forschungszentren und Knotenpunkte frühneuzeitlicher Gelehrsamkeit. Und bis mindestens um 1700 gehörten die Jesuiten trotz aller manchmal bestehenden Spannung zwischen Forschung und offiziellen Vorgaben zur wissenschaftlichen Spitze Europas. Die weltweite Kommunikation des Ordens bewirkte, dass in seinen Strukturen wie sonst in keinem Medium Wissen um die ganze Welt floss. Wer etwas über fremde Länder oder Kulturen, Fauna und Flora, wissen wollte, dem standen Informationen zur Verfügung, die zumeist wenigstens indirekt durch jesuitische Kanäle vermittelt waren.

Er wurde im Oktober zum neuen Generaloberen der Gesellschaft Jesu gewählt: Pater Arturo Sosa.

Der allmählich beginnende Niedergang, der den Orden als Feind der Humanität, der Aufklärung und des Fortschritts erscheinen ließ, zu staatlicher Unterdrückung und schließlich unter staatlichem Druck 1773 zu seiner päpstlichen Aufhebung führte, wird in seinen vielfältigen Aspekten dargestellt. Ein pauschaler Gegensatz zwischen Jesuiten und Aufklärung bestand nicht vor der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.

Frömmigkeit statt Aufklärung

Freilich ging ihm eine Dauer-Spannung voraus: Die Aufklärung wurde nie so wie die Synthese von Humanismus und Spätscholastik Teil der kollektiven Identität des Ordens, und vor allem die „Ratio studiorum“, der Studienplan, wurde nicht an die neue Kultur angepasst. Im Zuge der Radikalisierung der Aufklärung wurde diese prekäre Verbindung seit um 1750 zur tödlichen Feindschaft.

Eine weitere Hypothek ist seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts der Kampf gegen den Jansenismus. Er führte zu einer Verengung des theologischen Problembewusstseins. Hinzu kamen weitere Entwicklungen: nach 1700 eine Frömmigkeitstendenz, die nach Nüchternheit und Strenge rief und welcher die Jansenisten mehr entsprachen; die Tatsache, dass die jansenistische Partei die moderneren Medien einsetzte: „Das Feld gefälliger Literatur haben die Jesuiten nie betreten“, stellt der Autor fest. Und in der Endphase des Existenzkampfes des Ordens fehlten Flexibilität und eine gemeinsame Verteidigungsstrategie.

Und dann kommt der Papst

Hier möchte der Rezensent noch einen Faktor stärker gewichten, den der Autor berührt, jedoch nicht näher ausführt: die Verbindung von (Spät-)Jansenismus und katholischer Aufklärung. Obwohl das pessimistische Menschenbild des ursprünglichen Jansenismus in diametralem Gegensatz zur Aufklärung stand, verbanden beide die Tendenz zu einer „gereinigten“ Frömmigkeit, der traditionskritische Akzent und die Rückkehr zur „alten Kirche“. All dies stand in Kontrast zu den jesuitischen „Regeln zum Fühlen in der Kirche“. Und dieses Gemisch ist für die Gesellschaft Jesu tödlich geworden.

Der Titel des Buches verspricht eine gleichwertige Darstellung der neuen Gesellschaft Jesu seit 1814. Freilich sind nur siebenundzwanzig Seiten dem neuen Orden gewidmet, die allerdings immer noch einen guten Überblick vermitteln und selbst für das vielgescholtene neunzehnte Jahrhundert die Pluralität und das moderate Aufgreifen moderner Anliegen hervorheben. Und mehr ist einfach nicht möglich: Nur wenige Regionen des Ordens bieten Vorarbeiten, die Material für eine ähnlich umfassende wissenschaftliche Gesamtdarstellung liefern. Nicht zuletzt der Schlusspassus über Papst Franziskus als Integrationsfigur in der Auseinandersetzung um die Befreiungstheologie ist lesenswert. Wünschenswert wäre allenfalls noch neben dem Personenregister ein Sachregister gewesen.

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