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Mario Vargas Llosa : „Tiefstes Mittelalter im Irak“

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Soeben ist Mario Vargas Llosa aus dem Irak zurückgekehrt. Dort traf der Schriftsteller auf eine überwiegend feindselige Bevölkerung und auf einen Geistlichen mit der undurchdringlichen Fassade des Politikers.

          5 Min.

          Mario Vargas Llosa, der 1936 in Peru geborene Schriftsteller spanischer Nationalität, ist soeben von einem mehrwöchigen Aufenthalt im Irak zurückkehrt. Dort traf er zu einem Gespräch mit dem mächtigen Ajatollah der Schiiten, Mohammed Baqir al Hakim, zusammen. In einem Beitrag, der an diesem Mittwoch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wird, schildert der Autor diese Begegnung.

          Der Kleriker, der als Führer des radikalen Sektors des Schiismus gilt, spielt als Leiter des Obersten Rates der Islamischen Revolution nicht nur eine wichtige spirituelle, sondern auch eine eminent politische Rolle. Von Al Hakim, der viele Jahre im iranischen Exil verbracht hat, wird gesagt, er favorisiere das iranische Regierungsmodell für den Irak, also die Errichtung eines fundamentalen Gottesstaats. Vargas Llosa traf auf eine Bevölkerung, die sich überwiegend feindselig zeigte, und auf einen Geistlichen mit der undurchdringlichen Fassade des Politikers.

          Spartanisches Leben auf höchster Sicherheitsstufe

          Der Schriftsteller berichtet: „Al Hakim empfängt mich in Nadschaf, der heiligen Stadt der Schiiten, denn hier ist der Imam Ali, Schwiegersohn des Propheten Mohammed, begraben, der im Jahr 41 der mohammedanischen Zeitrechnung ermordet wurde und der der große spirituelle Führer des Schiismus ist. Ajatollah al Hakim lebt sehr spartanisch, auch die Büros seiner Partei sind von extremer Einfachheit. Die Sicherheitsmaßnahmen jedoch, die ihn umgeben, sind immens aufwendig.

          Führer der radikalen Schiiten im Irak: Ajatollah al Hakim
          Führer der radikalen Schiiten im Irak: Ajatollah al Hakim : Bild: AFP-FILES

          Geistliche, Leibwächter und Assistenten durchsuchen uns und nehmen uns Fotoapparate und Tonbandgeräte ab, die sie zurückgeben, nachdem sie überprüft haben, daß sie keine Waffen oder Sprengstoff enthalten. Im ganzen Haus gibt es kein einziges weibliches Wesen, und Morgana muß den islamischen Schleier anlegen, um fotografieren und mich begleiten zu können. Als ich dem Ajatollah al Hakim erzähle, daß sie meine Tochter ist, sagt er trocken: "Ich habe sechs Töchter." Ich frage ihn nicht, von wie vielen Frauen. Die Schiiten haben den vier legitimen, vom Koran erlaubten Ehefrauen eine fünfte hinzugefügt. Diese sogenannte "Vergnügungsehe" soll den alleinreisenden Gläubigen für die Dauer der Reise vor Abstinenz bewahren.

          Aufruf und Angriff

          Am Vorabend unseres Gesprächs hatte der Ajatollah in diesem Land, in dem die Attentate von Tag zu Tag zunehmen, erklärt, daß es ein Fehler sei, nordamerikanische Soldaten zu ermorden, und daß die Iraker das, was sie mit diesen Morden beabsichtigen, auch auf dem friedlichen Weg des Dialogs erreichen könnten. Ich erwartete, er würde mir gegenüber diese diplomatische Erklärung wiederholen, aber ich irrte mich. Mit seiner bedächtigen Stimme und sanften Gesten schmettert er harte Worte gegen "die Kräfte der Koalition". Er spricht nie von Amerikanern oder Briten, sondern immer nur von der "Koalition", aber wir wissen beide, wer gemeint ist.

          "Die Befreiung war ein purer Vorwand. Die Koalitionstruppen sind zu Besatzern geworden. Bush und Blair haben viele Versprechen gemacht, doch sind sie unfähig, diese auch zu erfüllen. Es gibt in diesem Land keinerlei Sicherheit, und wir haben unsere Souveränität verloren. Als Vorwand für den Krieg dienten ihnen die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins, aber sie konnten sie nicht finden. Sie konnten auch den Diktator und seine Leute nicht fassen, obwohl es sich um Personen handelt, die essen, sich bewegen und Spuren hinterlassen. Wenn man uns gelassen hätte, hätten wir ihn längst gefunden."

          Al Hakims Vorwürfe: Mörder, Diebe, Entehrende

          Er spricht, ohne die Stimme zu erheben und ohne mich anzusehen. Seine blauen Augen blicken ins Leere. Der Ajatollah spricht mit der ruhigen Entschiedenheit desjenigen, der sich im Besitz der Wahrheit weiß. Seine sechs Assistenten hören seinen Worten andächtig zu und spüren die infernalische Hitze nicht, die den kleinen kahlen Raum, geschmückt nur von einem großen Plastikblumenstrauß, in eine Bratpfanne verwandelt hat. Ajatollah al Hakim ist ein Mann, der selten lächelt und wie die Propheten und olympischen Götter predigt, ein Mann, der eher donnert als spricht. Hinter ihm hockt ein Mann, der mich nicht aus den Augen läßt, sprungbereit, sollte ich eine verdächtige Bewegung machen.“

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