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Mario Vargas Llosa : Der Alleskönner wird 70

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Bild: REUTERS

Mario Vargas Llosa ist Geschichtenerzähler, Politiker, engagierter Schriftsteller: In seinen Romanen versucht er Gegensätze zu vermitteln, an denen er als peruanischer Präsidentschaftskandidat letztlich scheiterte.

          Sich einzumischen, in aktuellen Fragen Stellung zu beziehen, halte er für seine Pflicht. Das sagt Mario Vargas Llosa immer wieder, wenn seine politischen Äußerungen ihm Ärger und manchmal auch ungerechte Angriffe einbringen. Wie kaum ein anderer repräsentiert er den in der hispanischen Welt so häufig anzutreffenden Typus des politisch engagierten Schriftstellers. Vargas Llosa hat sich nicht gescheut, selbst Politiker zu werden. 1990 hat er sich um das Präsidentenamt seines Heimatlandes Peru beworben, einen vielbeachteten, fairen und sachlichen Wahlkampf geführt, in der ersten Runde gegen den populistischen Kandidaten japanischer Herkunft, Fujimori, gewonnen, dann aber die Stichwahl verloren. Nach der Niederlage gegen Fujimori glaubte Vargas Llosa, daß er als Schriftsteller doch mehr Einfluß ausüben und größere politische Wirkung erzielen könne denn als aktiver Politiker. Den Kampf der peruanischen Demokraten mit dem späteren Präsidenten Toledo an der Spitze gegen das Regime Fujimori unterstützte er mit zahlreichen Artikeln.

          Zahlreiche Romane von Vargas Llosa handeln von den wichtigen politischen Themen unserer Zeit. Sein erster großer Roman, „Die Stadt und die Hunde“ (1963), ist eine scharfe Kritik an den Militärs und an der von brutaler Gewalt bestimmten militärischen Erziehung. „Gespräch in der Kathedrale“ (1969) behandelt die innenpolitische Situation Perus zur Zeit der Regierung von General Odria (1948 bis 1956). Der Roman berichtet auf differenzierte Art von Korruption und Depression und scheut sich nicht, die verbreitete Alltagsbrutalität in der peruanischen Gesellschaft und ihre heuchlerische Vertuschung detailliert zu schildern. In „Der Krieg am Ende der Welt“ (1982) und „Maytas Geschichte“ (1984) geht es um den politischen Fanatismus. „Maytas Geschichte“, das erste seiner Bücher über die religiöse Fanatisierung von Menschenmassen, beschreibt, wie der ideologische Wahn eine einzelne, einsame und egozentrische Person ergreift.

          Brillanter „europäischer“ Rhetoriker

          In seiner Radikalisierung und mit seinem ideologisch gerechtfertigten Hang zur Gewalt ähnelt Mayta den Führern der Guerrillaorganisation „Der leuchtende Pfad“, die eine maoistische Revolution von den peruanischen Anden über Lateinamerika in die ganze Welt tragen wollte und dabei Zehntausende von Menschen ermordete. „Das Fest des Ziegenbocks“ (2000) macht einen häufig in Lateinamerika anzutreffenden Typus zum Protagonisten: den Diktator. Der Roman handelt von der besonders grausamen Herrschaft des Rafael Leonidas Trujillo in der Dominikanischen Republik und evoziert die von Angst und Terror bestimmte Atmosphäre im karibischen Inselstaat. Trujillo, der im Gegensatz zu seinem engen Mitarbeiter und Nachfolger Balaguer beim Foltern auch selbst Hand anlegte, wurde von einigen seiner ehemaligen Mitarbeiter und Untergebenen umgebracht. In der Mischung von historischen und erfundenen Begebenheiten und in der überzeugenden Darstellung einer historischen Periode zeigt „Das Fest des Ziegenbocks“ die Meisterschaft des erfahrenen Romanciers Vargas Llosa.

          Die krassen Gegensätze zwischen den beiden Kulturen Perus, zwischen den europäisch geprägten Küstenbewohnern auf der einen und den Hochlandindianern auf der anderen Seite, hat er immer wieder dargestellt, insbesondere in „Der Geschichtenerzähler“ (1987) und „Tod in den Anden“ (1993). Den Menschen aus diesen beiden Welten gelingt es nur schwer, in Verbindung zu kommen, sich gegenseitig zu verstehen und als Bürger desselben Landes gemeinsam zu leben. Das hat Vargas Llosa als Präsidentschaftskandidat selbst erleben müssen, als eine seiner politischen Reden, eben die Ansprache des weißen Küstenbewohners, von den Indios nicht verstanden wurde. Diese trauten dem brillanten, „europäischen“ Rhetoriker weniger als dem nur schlecht Spanisch sprechenden „Japaner“ Fujimori. Vargas Llosa hat aber auch stets leichte, unterhaltsame Geschichten mit viel Witz und Ironie erzählt. Seine literarischen Essays, etwa über Garcia Marquez, Flaubert oder Victor Hugo, sind ebenso in zahlreiche Sprachen übersetzt wie seine politischen Artikel und Anmerkungen über die Arbeit des Schriftstellers und über sein eigenes Werk.

          Vargas Llosa ist der jüngste der großen lateinamerikanischen Erzähler, die Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre in Europa bekannt und viel gelesen wurden. Geboren wurde er in der südperuanischen Stadt Arequipa, seine Jugend verbrachte er in Bolivien und in Lima. An der dortigen San-Marcos-Universität, der ältesten auf dem amerikanischen Kontinent, studierte er Philologie und wurde 1958 in Madrid promoviert. Als der diktatorisch regierende Präsident Fujimori in den neunziger Jahren drohte, ihm die peruanische Nationalität zu entziehen, verlieh ihm Ministerpräsident Felipe Gonzalez die spanische Staatsbürgerschaft, wie auch anderen in ihrer Heimat verfolgten lateinamerikanischen Schriftstellern, darunter dem Uruguayer Onetti und dem Paraguayer Roa Bastos. Nach Stationen in Paris und Barcelona lebt Mario Vargas Llosa heute vorwiegend in Madrid; in Monaten, in denen er viel schreiben muß, trifft man ihn in London an, aber auch in seinen Wohnungen in Paris und in Lima, wo der literarische Alleskönner heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert.

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