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Margot Honecker als Publizistin : Ihre heile Welt

Kein Fähnchen im Wind: Margot Honecker, fotografiert im Herbst des Jahres 2011 in Chile, sieht sich durch die Krankschreibungen in der heutigen Lehrerschaft bestätigt Bild: dpa

Für kommende Klassenkämpfe ist Margot Honecker gerüstet. In einem Gesprächsband zeigt die ehemalige Volksbildungsministerin der DDR, dass sie sich treu bleibt.

          Seit sie in Chile lebt, gibt sie kaum Auskunft über sich und ihre Zeit als Ministerin für Volksbildung, was sie immerhin sechsundzwanzig lange Jahre war, bis zum Schluss. Am 2. November 1989 räumte Margot Honecker ihr Berliner Büro: „Ich war ohne Illusion über den Fortgang, nicht aber ohne jede Hoffnung.“ Jetzt hat sie einen Publizisten empfangen, der ihr in der zuweilen bizarr anmutenden Sicht auf die Ereignisse vor und nach dem November 1989 ebenbürtig ist. Das Ergebnis des Gesprächs ist im Verlag das Neue Berlin erschienen (Margot Honecker, „Zur Volksbildung. Gespräch“).

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Frank Schumann liefert der alten Dame die Stichworte; ab und an werden wohl dosiert sogenannte Reizthemen eingestreut. Denn die anderen, die Feinde und Verleumder, erinnern sich auch. Sie also gilt es zu widerlegen, wobei sich beide trefflich ergänzen in ihren propagandistischen Volten, die eine DDR zeichnen, die es so nicht gab: ein Dokument authentischer Demagogie. Schumann stellt sich in einem Vorwort ausführlich vor; neben dem Pfarrhaus, in dem er groß wurde, findet auch der Jugendwerkhof in der Nachbarschaft Erwähnung.

          Mit bemerkenswerter Beharrlichkeit

          Er habe Ehemalige von dort kennengelernt, schreibt er, zufriedene Menschen heute, die nun ein „normales Leben“ führten. Es handelt sich um den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, ein Kindergefängnis, das heute Gedenkstätte ist, im Gedenken an die Opfer brutaler Umerziehung im Honeckerschen Geiste. Schumanns erbarmungslose Ignoranz dieses dunklen Kapitels realsozialistischer Disziplinierung qualifiziert ihn als Gesprächspartner Margot Honeckers, die den Sollzustand ihrer „Volksbildung“ rekapitulieren will und an Reflexion nicht interessiert ist.

          War es ein Skandal, als 1988 an der Berliner Ossietzky-Schule junge Leute relegiert wurden, weil sie sich offen zur polnischen Opposition bekannten und gegen die martialischen Militärparaden? Nein, das war ein ganz normaler Vorgang, eine Reaktion auf eine „gezielte politische Provokation“, beharrt Margot Honecker, so wie die DDR ein ganz normaler, von den meisten geliebter Staat war. Sie zitiert zum Beweis und Vergleich ganze Artikel aus dem Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen. Und die Zwangsadoptionen? Schon diese „Bezeichnung“ sei falsch, ja demagogisch. Diese Kinder „wurden in gute Hände gegeben“. Man musste sie schützen vor ihren unfähigen Eltern, die ihrer Pflicht zur „staatsbürgerlichen Erziehung“ nicht nachkamen

          Zum Schluss reden Honecker und Schumann über jenen Eigensinn, der schlimmstenfalls zu einer „Konterrevolution“ führen kann. Alles Inszenierungen von außen, darüber sind sie sich einig. Nicht nur die sogenannten Bürgerrechtler der DDR werden da vorgeführt als fremdgesteuerte Wesen. Auch die Arabellion, die Aufstände in Libyen, Ägypten, Tunesien, die orangenen und samtenen Revolutionen davor - alles vom amerikanischen Geheimdienst und anderen Schreckensleuten gesteuert.

          Prinzipiell neostalinistisch

          Das zu verhindern, glauben die zwei, hätte ein besseres Krisenmanagement erfordert, leider. Schuld? Nur insofern, sagt Margot Honecker, als wir die Niederlage nicht hatten verhindern können. Nein, die DDR sei nicht an ihren Fehlern zugrunde gegangen, sondern an einer „Konterrevolution“, vor der „wir“ immer gewarnt haben, und am mangelnden Widerstand gegen den „Gegner“. Das war ihr Volk, auch wenn sie das so bis heute nicht erkennen will - vor allem die Jungen, die damals zu Hunderttausenden das Land verließen, weil sie genug hatten.

          Allein schon diese Fluchten aus dem falschen Leben gehören zu einer Welt, die wahrzunehmen sich Margot Honecker nicht einmal weigert. Diese Welt existiert für sie einfach nicht, damals wie heute. So wenig wie sie die massiven Proteste gegen den Wehrunterricht beeindruckt haben, denn der war ja notwendig: Die Schüler sollten rechtzeitig „marschieren und exerzieren, militärisch grüßen und in einer militärischen Einheit handeln“ können.

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