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Sein Leben : Marcel Reich-Ranicki hat seine Erinnerungen geschrieben

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Marcel Reich-Ranicki in der Wohnung von Berthold Brecht, Berlin 1999 Bild: Frank Röth

Was immer Mit- und Nachwelt in diese Erinnerungen hineinlesen werden: Marcel Reich-Ranicki hat eine der schönsten Liebesgeschichten des Jahrhunderts geschrieben.

          Als vor einiger Zeit bekannt wurde, daß Marcel Reich-Ranicki munter an seiner Autobiographie schreibe, da wurden Befürchtungen laut im literarischen Betrieb und anderswo. Leute hoben den Finger oder zeigten mit dem Finger auf andere Leute. Es ging um die Frage, wer wie warum und auf welche Weise in Reich-Ranickis Erinnerungen vorkommen werde. Jetzt ist das Buch fertig, sein Titel lautet „Mein Leben“, und am Montag beginnen wir mit dem Vorabdruck des ersten Teils. Die Fahnen, weit über fünfhundert Seiten, liegen auf dem Schreibtisch. Also?

          Um die wichtigste Frage gleich zu Beginn aufzugreifen, die Antwort lautet: Ja. Ja, das Buch hat ein Personenregister. Doch diese zehn Seiten werden manchem eine bittere Enttäuschung bereiten. In Reich-Ranickis Register steckt eine eigene kleine Poetik, eine besondere Kunst des Weglassens und Hinzufügens, und entstanden ist daraus ein kunstvolles Labyrinth voller durchaus richtiger, aber immer wieder auch düpierender Verweise. Um es anders auszudrücken: Kein Verleger, kein Autor kann sicher sein, daß Reich-Ranicki sich seiner nicht erinnerte, nur weil das Register ihn nicht nennt. Und es ist für den Seelenfrieden eines manchen nicht unwichtig zu wissen, ob er sich erinnert oder nicht.

          Denn der Mann, der hier von sich sagt, das ihm das Telefon das Caféhaus ersetzt habe, er hat seine Erinnerungen so geschrieben, wie er redet: voller Lust an der Übertreibung und Pointe, dabei sehr effektvoll, unbesorgt um Indiskretionen, kundig in Klatsch, Tratsch und anderen Skandalen und bei alldem nur die Langeweile fürchtend und sonst nichts auf der Welt. Das sind gute Nachrichten für Leser und nicht ganz so gute für diejenigen, mit denen er zu telefonieren pflegte. Genauer gesagt: für das Personal jenes zweiten Teils, den wir in dieser Zeitung nicht vorabdrucken werden. Da geht es um Böll, Grass, Frisch, um Elias Canetti, Thomas Bernhard oder Martin Walser, um einen übernächtigten Adorno, es geht um Verleger, Redaktionen und Redakteure der letzten vier Jahrzehnte, in einem Wort: um das literarische Leben der Republik.

          Dem Fünfjährigen, so erzählt er, hat die Mutter den Satz „Ich bin artig“ auf die Kindergarderobe sticken lassen. „Rasch wurde ich zum Gespött der Kinder - und reagierte darauf mit Wut und Trotz: Brüllend und prügelnd wollte ich jenen, die sich über mich lustig machten, beweisen, daß ich besonders unartig war. Das trug mir den Spitznamen ,Bolschewik’ ein.“ Er prügelt längst nicht mehr. Aber er legt immer noch Wert darauf, unartig zu sein. Unartig, gegen die Konventionen einer gezähmten Erinnerungsliteratur verstoßend, sind viele seiner Sätze. Und es sind nicht jene, die von alten Feinden (die werden allesamt ignoriert), sondern die, die von alten Freunden handeln. Jeder, der mit Reich-Ranicki zu tun hat, weiß, daß, wo es bei ihm um die Freundschaften seines Lebens geht, es sich immer auch um die Krisen, die Irrtümer, ja die Katastrophen solcher Freundschaften handelt. In seinen Erinnerungen wird davon erzählt. Die Wunde seiner Beziehung zu Walter Jens etwa - den er seinen besten Freund nennt - schwelt in fast jedem Kapitel der zweiten Lebenshälfte. Das gilt auch für andere Zerwürfnisse. Jeder Leser merkt, daß es hier um Reich-Ranickis Lebensthema geht: um Liebe und um Liebesverrat.

          Dies ist eine Ankündigung, keine Rezension. Es sind in diesen Erinnerungen Passagen, ja ganze Kapitel, die den Leser sehr tief ergreifen und ihn irre werden lassen an der Zeitgenossenschaft, die er mit dem Verfasser dieser Erinnerungen unterhält. Schon aus anderen Berichten - etwa Reich-Ranickis vor Jahren in dieser Zeitung erschienenem Essay „Meine Schulzeit im Dritten Reich“ - konnte man erfahren, wie er, ein Deutscher und Jude, den Nationalsozialismus, die Deportation, das Getto überstand. Wie er seine Frau Tosia im Getto kennenlernte und beide, gegen alle Wahrscheinlichkeit, die Katastrophe überlebten. Auch jene, denen Reich-Ranicki hin und wieder mündlich von seinen Erlebnissen berichtete, werden in diesen Erinnerungen erkennen, wie wenig sie wußten. Und wie er es ihnen nun erzählt. Vielleicht ist dies das Bewegendste und das Verstörendste an diesem Buch: die furchtbare Ruhe, mit der sein Verfasser über die furchtbaren Ereignisse berichtet.

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