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Sein Leben : Marcel Reich-Ranicki hat seine Erinnerungen geschrieben

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Man wußte, nicht zuletzt dank der Auskünfte von Reich-Ranicki selbst, welche Rolle die Musik im Getto spielte. Aber wußte man von dem hochbegabten jüdischen Pianisten Richard Spira, dessen Lehrer, da kein Jude, natürlich außerhalb des Gettos lebte? „Aber noch gab es im Getto Telefone, wenn auch wenige. Das war die Lösung: Spira spielte seinem Lehrer das ganze Konzert am Telefon vor und erhielt von ihm in stundenlangen Gesprächen genaue Unterweisungen. Der Triumph des Schülers war zugleich, der Gettomauer zum Trotz, der seines Lehrers.“ Weiß man, daß es im Getto eine zweimal wöchentlich erscheinende Zeitung gab, in der auch Konzertrezensionen veröffentlicht wurden? Und daß ein bedeutender Musikkritiker dieser Zeitung ein Mann namens Wiktor Hart war? Und daß dieser Hart niemand anders als Marcel Reich-Ranicki war?

Reich-Ranickis Biographie ist ein deutsch-jüdischer Bildungsroman von der fürchterlichen, am Ende aber von der triumphalen Sorte. Es ist jedoch ein schwer erkaufter Triumph. Wann immer eine Person, ein Freund, eine Freundin, ein Helfer im Umkreis des heranwachsenden Marcel auftaucht, muß man damit rechnen, daß einem der Verfasser auf seine ruhige Art mitteilt, daß auch diese Menschen ermordet worden sind. Die Vernichtung, die in dieses Leben eingebrochen ist, ist ungeheuer groß. Und weil Geschichte immer wieder ins Unanschauliche strebt, ist es wichtig, das Jahrhundertverbrechen anschaulich zu halten. Daß überhaupt noch einer da ist, davon zu erzählen, das, so scheint es, verwundert auch Reich-Ranicki immer wieder.

Mit welcher Begeisterung reist das halbe Kind damals von Polen nach Berlin? Wie gerät er in das letzte kulturelle Abendleuchten der Weimarer Republik? Wie erlebt er, immer noch in Berlin, die ersten Jahre der Naziära? Und wie sehen wir ihn - fast genau in der Jahrhundertmitte - im Auge des Orkans, im Getto, in der Mila-Straße, in der der verzweifelte Aufstand geplant wird? „Wer, zum Tode verurteilt, den Zug zur Gaskammer aus nächster Nähe gesehen hat, der bleibt ein Gezeichneter - sein Leben lang.“ Der Satz steht an zentraler Stelle dieser Erinnerungen - eine Stelle, die nicht aufhören wird, einen zu verfolgen.

Fast immer, und darin liegt die Größe seiner Darstellung, berühren sich die Ereignisse und Gestalten in Reich-Ranickis Erinnerungen mit der Geschichte selbst. Dieses Leben, dessen Götter Brecht, Thomas Mann und Richard Wagner heißen, ist so repräsentativ, wie es in dieser Epoche überhaupt nur denkbar ist. Schon der Jugendliche, wohlgemerkt ein Jude im nationalsozialistischen Deutschland, wollte eines Tages des Landes erster Kritiker sein. Er ist es geworden, und er beschreibt diesen Weg von den Anfängen bis zum Jahre 1999. Ihm mußte es widerfahren, daß er jener Übersetzer war, dem die SS am 22. Juli 1942 das Todesurteil über die Juden von Warschau diktierte - den Umsiedlungsbefehl, der nach Auschwitz und Treblinka führte. Reich-Ranicki beschreibt genau, wie er als Dolmetscher des Judenrats das Diktat des SS-Offiziers Höfele entgegennahm und es dann für das Plakat ins Polnische übersetzte. Man muß das vor sich sehen: Wie Reich-Ranicki, dessen Leben aus Texten besteht, diesen finalen Text aufschreibt und übersetzt. Und man muß lesen, was in dem Buch dann folgt: wie Reich-Ranicki das Todesurteil seiner Freundin Gustawa Jarecka diktiert und welchen Entschluß er am Ende faßt: den Entschluß, Tosia zu heiraten, um ihr das Leben zu retten.

Man soll nicht denken - aber wer denkt das bei diesem Autor schon -, dies sei ein depressives Buch. Nein, da ist viel Witz und Temperament, eine Menge Ungerechtigkeiten und Streitlust. Reich-Ranicki hat Lebenserinnerungen geschrieben, die zugleich eine Geschichte der deutschen Literatur in diesem Jahrhundert sind und ein Kapitel Weltgeschichte. Aber am Ende ist aus alldem ein Monument für Tosia geworden, seine Frau. Vor einiger Zeit hat Teofila Reich-Ranicki einen Auswahlband mit Gedichten Erich Kästners herausgegeben. Warum unter allen Dichtern der Literaturgeschichte nur Kästner für diese ungewöhnliche Frau in Frage kam und welche verzweiflungsvolle Geschichte sich mit den harmlosen Gedichten dieses Autors verbindet, auch dies erfährt, wer Reich-Ranickis Erinnerungen liest.

Wie oft hat dieser zuweilen etwas liebeskranke Kritiker nach der großen Emotion in der Literatur gesucht, nach der Liebe also, seiner Himmelsmacht. Und nun? Was immer Mit- und Nachwelt in diese Erinnerungen hineinlesen werden: Reich-Ranicki hat eine der schönsten Liebesgeschichten des Jahrhunderts geschrieben.

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