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So war Marcel Reich-Ranicki : Ein Leben

Bei der Arbeit: der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in seinem Büro in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Mai 2008 Bild: Helmut Fricke

Mit gutem Grund lautete Marcel Reich-Ranickis liebster Satz: „Es gibt gute Bücher, und es gibt schlechte Bücher“. Kritische Arbeit galt ihm als die Pflicht jedes freien Menschen.

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          Es sind die Menschen, nicht die Werke, die von uns gehen - aber wahrscheinlich gab es in jenem Deutschland, zu dem Marcel Reich-Ranicki sich so selbstbewusst bekannte, niemanden, bei dem sich das eine vom anderen schwerer trennen ließ. Sein Leben war sein Werk, sein Werk war sein Leben: Das war die Provokation des Marcel Reich-Ranicki. Und das bleibt, wenn alle Trauerreden gehalten sind, die Herausforderung: an uns Deutsche, die wir uns jetzt ohne ihn zurechtfinden müssen in der eigenen Kultur.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          An uns politische Wesen, Meinungsproduzenten, Teilhaber an der demokratischen Öffentlichkeit, die wir glauben, dass Kritik nicht bloß ein schönes griechisches Fremdwort ist für Nörgelei und schlechte Laune. Sondern eine produktive Kraft und die Pflicht jedes freien Menschen.

          Die Verneigung der Leser

          Denn einerseits hat ja Reich-Ranicki ein Werk hinterlassen, das ganz sicher und ungefährdet im Kanon steht. Ausgerechnet er, der, als er jünger war, die Rolle des Kritikers mit Lust und Temperament genau so spielte, wie das ein deutsches Originalgenie nicht leiden kann, nämlich scharf, manchmal böse und immer selbstgewiss; ausgerechnet er, der mit seiner unmissverständlichen Kritik so manchen kritisierten Autor zu der Frage provozierte, was denn, außer Meinungen und Urteilen, dieser Kritiker noch vorzuweisen habe, ausgerechnet dieser Marcel Reich-Ranicki hat 1999 auf all diese Fragen eine unwiderlegbare Antwort gegeben.

          Sein Buch hieß schlicht „Mein Leben“, und weil das eben dieses Leben war, das Leben eines Mannes, den die Deutschen ermorden wollten; und der sich rettete, durch seinen Mut, die Liebe zu seiner Frau und die Liebe zur deutschen Literatur, deshalb verneigten sich die Leser: vor diesem Leben. Auf die respektlose Frage, die Marcel Reich-Ranicki nicht dem ehrbarsten Autor und nicht dem ernstesten Thema ersparte, die Frage, ob das denn gute Literatur sei, gab es nun eine Antwort. Reich-Ranicki hatte es allen gezeigt.

          Dabei hatte er, andererseits, diese Legitimation gar nicht nötig - und vielleicht offenbart sich erst jetzt, da er uns zu fehlen beginnt, wie modern, wie zeitgemäß, wie richtig jene Form der Kritik war, die Reich-Ranicki immer praktiziert hat. Er schrieb nur über Bücher und sprach dabei doch immer von der menschlichen Bedingung, und genau das hat die Kritiker dieses Kritikers so oft zum Widerspruch gereizt. Er vereinfache zu stark, er spitze immer nur zu, was dem Autor gelungen sei und was nicht. Es fehle ihm das Gespür, die Texte gegen die Intentionen des Autors zu lesen, er sei nicht auf dem Stand der Theorie. Und überhaupt, sein Lieblingssatz: „Es gibt gute Bücher, und es gibt schlechte Bücher“ werde dem Reichtum und der Vielfalt des literarischen Diskurses nicht gerecht.

          Er erhielt die deutsche Literatur am Leben

          Reich-Ranicki ließ sich von solchen Einwänden nicht verunsichern. Er hatte ein existentielles Verhältnis zu Büchern, für ihn war die Literatur eine Frage von Leben und Tod gewesen. Und wie interessant auch immer die Ergebnisse anderer Lektüren waren - Reich-Ranicki hatte mit den Fragen, die er an die Bücher stellte, doch immer recht: Er fragte nach dem Leben in der Literatur; er wollte wissen, ob da zwischen zwei Buchdeckeln die Schönheit sei, die Wahrheit, die Kritik des schlechten Lebens und, am wichtigsten, der Vorschein eines besseren. Darunter machte er es nicht - und in den Kritiken von Marcel Reich-Ranicki kann man lesen, dass man nicht nur als Autor, sondern auch als Kritiker groß sein muss, um solchen Fragen gewachsen zu sein.

          Wer solche Fragen an die Bücher hat, wird sich mit den Antworten des Kanons und der Festreden nicht zufriedengeben. Die deutsche Literatur hatte ihm das Leben gerettet, er revanchierte sich, indem er die deutsche Literatur am Leben hielt. Goethe, Heine, Thomas Mann - wer Reich-Ranicki vorwarf, dass er konservativ sei, hatte das Wichtigste nicht verstanden: Das waren seine Zeitgenossen, seine Gesprächspartner. Gerade als Leser seiner Kolumne in den vergangenen zehn Jahren konnte man erfahren, wie fremd ihm aller Kulturpessimismus war und wie unverständlich die Sehnsucht nach irgendeiner guten alten Zeit.

          Das Fernsehen lag ihm zu Füßen

          Ohne Bedauern schrieb er von Autoren, welche überholt, vergessen, dementiert waren vom Lauf der Zeit. Und umso heftiger beharrte er darauf, dass Goethe nichts sei, wenn wir Heutigen uns nicht in seinen Figuren erkennten. Und wenn seine Sätze nicht auch dazu taugten, zum Beispiel das deutsche Fernsehen zu kritisieren.

          Denn darum ging es, als Reich-Ranicki damit anfing, auch in die Fernsehkameras hineinzusprechen. Nicht er biederte sich dem Medium an. Das Fernsehen lag ihm zu Füßen und gab sich ihm hin. Reich-Ranicki blieb auch dort Kritiker, in einem emphatischen Sinn: Er musste nicht einmal über Bücher sprechen - schon wenn er nur auftrat, war das die Kritik der falschen Verhältnisse. Und wenn er sprach, war das schon der Vorschein des Besseren.

          Und das ist die Zumutung, die uns Reich-Ranicki hinterlassen hat: Kritik ist kein Luxus, den man sich leistet, wenn alles andere getan ist. Kritik ist eine Lebenspraxis. Und Kritik ist nichts, wenn sie sich nicht aus aufrichtiger Liebe speist.

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