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Abschied von M.R.-R. : Danke!

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„Lieber, was gibt’s Neues?“ M. R.-R. 2010, beim Buchmessenempfang in Frankfurt Bild: Julia Zimmermann

Wir hätten noch so viele Fragen gehabt. Marcel Reich-Ranicki ist gestorben. Uns bleibt, außer einer großen Traurigkeit, das Staunen über diesen wunderbaren Mann.

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          Die Fragen hier, die hat er gern gemocht. Spätestens dienstags rief er immer an, um sich zu erkundigen, ob neue Fragen gekommen seien. Es waren immer neue Fragen gekommen, und dann wollte er wissen, ob es auch gute Fragen seien. Ich fand sie meist ganz gut, er fand sie oft fürchterlich. Er sagte das zumindest häufig. Ich glaube, er war manchmal gerne unzufrieden und kritisch. Und er war natürlich anspruchsvoll. Die Fragen an ihn sollten immer die allerbesten Fragen sein, und er hatte eben nie im Leben Lust, etwas Mittelmäßiges zu loben, nur weil es andere vielleicht gern hören wollten, oder nur, um irgendwie nett zu sein. Aber er liebte die Fragen. Er wollte gefragt werden, und er wollte Antworten geben, bis zuletzt.

          Ein kleiner Unglaube und Stolz schien auch immer mit dabei zu sein. Dass er, der in Polen geborene Jude Marcel Reich-Ranicki, der keine deutsche Universität besuchen durfte und der nach dem Willen vieler Deutscher längst nicht mehr hätte am Leben sein sollen, dass er nun zu einer Art Ein-Mann-Sachverständigenrat geworden war, der Weise aus Frankfurt, ein Orakel, die höchste Autorität, das empfand er auch selbst wohl immer wieder als kurios. Wie sein ganzes Leben.

          Und er war sich niemals wirklich sicher, dass das auch so bleiben würde, dass er auf sicherem Boden stand. Je älter er wurde, desto wichtiger wurden ihm die Fragen der Leser. Dieses Drängen und Hoffen auf neue Fragen jede Woche, das war, als wollte er sich immer aufs Neue vergewissern, dass es noch stimmt, dass er immer noch diese bewunderte Autorität ist, dass die Menschen wirklich all diese Dinge von ihm wissen wollen. Und dass er diese Fragen immer noch beantworten kann wie kein Zweiter. Aber er war müde, die Kräfte schwanden immer mehr. Seine Antworten wurden immer kürzer und knapper. Zuletzt war es wie ein langsames, öffentliches Verschwinden, Sonntag für Sonntag. Er wollte es so. Er tat, was er konnte.

          2009 bei der Filmpremiere von „Mein Leben“ Bilderstrecke
          2009 bei der Filmpremiere von „Mein Leben“ :

          Die letzten Fragen und seine letzten Antworten – ich weiß nicht, ich glaube, es musste so aufhören – gingen ja so: Wie es ihm gehe, hat ein Leser – Reich-Ranicki hatte zuvor einige Ausgaben pausieren müssen – ihn gefragt, „langsam wieder besser“ hat er geantwortet. Ob er immer noch den „Spiegel“ so gern lese, fragte ein anderer, sich wohl an Reich-Ranickis Satz erinnernd, er wolle schon allein deshalb nicht sterben, weil er dann nicht mehr erfahre, was im nächsten „Spiegel“ stehe. Ja, den lese er immer noch, antwortete er. Und welche Figur im Werk von Thomas Mann ihm an nächsten stehe, fragte wieder ein anderer Leser, wie um noch einmal seinen liebsten Ton auf einer Klaviertastatur anzuschlagen: „Tonio Kröger“. Wer sonst. Das Buch seines Lebens.

          In seiner Autobiographie hatte er es so erklärt: Dieser Tonio Kröger sei ein Mensch, „der an seiner Unzugehörigkeit leidet und wie ein Fremdling im eigenen Haus lebt – in ihm habe ich mich wiedererkannt. Seine Klage, er sei oft sterbensmüde, ,das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben‘, hat mich tief getroffen. Die Furcht, nur in der Literatur zu leben und vom Menschlichen ausgeschlossen zu sein, die Sehnsucht also nach jener schönen, grünen Weide, die rings umher liegt und doch unerreichbar bleibt, hat mich nie ganz verlassen. Diese Furcht und diese Sehnsucht gehören zu den Leitmotiven meines Lebens.“

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