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Marcel Reich-Ranicki im Interview : Ohne Berlin wäre ich wohl kein Kritiker

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Natürlich mit Buch: Marcel Reich-Ranicki 1936 Bild: MRR

Siebzig Jahre nachdem er dort vom Studium ausgeschlossen worden war, verleiht die Humboldt-Universität Marcel Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde. Ein Gespräch über seine Jugend, die ersten Kritiken, Günter Grass' SS-Mitgliedschaft und die Einsamkeit.

          „Also los! Die erste Frage!“ Marcel Reich-Ranicki ist ungeduldig. Er sitzt in einem großen, schwarzen Sessel in seiner Frankfurter Wohnung. Der Sessel lässt sich per Knopfdruck summend bequem zurechtstellen. Er blickt auf eine Bücherwand und einen großen Fernseher. Ja, die Fragen der Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (siehe auch: Fragen Sie Reich-Ranicki), die er jede Woche beantwortet, die könne er sich aussuchen, sagt er. „Aber bei Ihnen werde ich mir nichts aussuchen können. Sie werden mich mit schwierigen Fragen quälen.“ Dabei geht es ja einfach nur darum, zu erfahren, wie das war, damals, als der Jude Marcel Reich nicht studieren konnte. Und wie merkwürdig das sein muss, jetzt, an derselben Universität die höchsten Weihen zu erhalten.

          Fast siebzig Jahre nachdem Ihnen an der Universität in Berlin, der heutigen Humboldt-Universität, als Jude ein Studienplatz verweigert wurde, verleiht man Ihnen jetzt, am 16. Februar, dort die Ehrendoktorwürde. Was bedeutet Ihnen das?

          Diese Nachricht hat mich nicht so sehr stark berührt, und zwar deshalb, weil davon seit Jahren die Rede war. Also schön, gut, jetzt bekomme ich, spät, aber doch, auch noch diesen Ehrendoktor. Es ist der neunte. Den stärksten Eindruck hat auf mich der erste Ehrendoktor gemacht, das war Uppsala in Schweden. Nachher, wenn sich das wiederholt, die Ehrendoktorate - das ist wie mit den Frauen. Man gewöhnt sich dran, und die Wirkung ist nicht so überwältigend groß.

          Marcel Reich-Ranicki mit seinem Vater am Wannsee

          Ein wenig freut es Sie aber doch?

          Ja, aber der wichtige Grund ist mein Verhältnis zur Stadt Berlin. Ich war gerade neun Jahre alt geworden, als ich 1929 aus der kleinen polnischen Stadt Wloclawek nach Berlin kam. Ich war nie in Warschau gewesen, nie in einer größeren Stadt. Ich kam nach Berlin und sah lauter Dinge, die für mich total neu waren: die U-Bahn, die Bahnhöfe, die Stadtbahn-Linie, die ganze Architektur. Es war alles vollkommen neu. Vor allem aber: Berlin ist die Stadt meiner ersten großen und für das ganze Leben entscheidenden Begegnung mit der Musik, mit dem Theater, mit der Literatur. Und deshalb bin ich so dankbar für diesen Ehrendoktor. Ich freue mich auch, dass Peter Wapnewski die Laudatio halten wird, von dem ich sehr viel gelernt habe. Da ich nie studieren konnte, habe ich nie gründlich Mittelhochdeutsch gelernt, die Literatur und Sprache des Mittelalters, das habe ich in hohem Maße von Wapnewski gelernt.

          Was hatten Sie sonst für Lehrer, damals?

          Ich hatte Glück, der Mathematiklehrer war hervorragend, der Geschichtslehrer ein doller Nazi, aber kein uninteressanter Lehrer und der übrigens auch mich gar nicht schlecht behandelt hat. Na ja, und vor allem die Deutschlehrer. Was ich den Deutschlehrern verdanke, ist natürlich die Hinführung zur Literatur. Wenn man jung ist, behält man diese Dinge gut. Ich habe die Sachen bis heute im Gedächtnis. Wie uns der „Prinz von Homburg“ geboten wurde, daran habe ich neulich erst wieder denken müssen, als das Stück hier in Frankfurt aufgeführt wurde - im Regen. Ja, das ganze Stück spielte von der ersten bis zur letzten Zeile im strömenden Regen. Die armen Schauspieler wurden ganz nass. Wozu der Regen nötig war, weiß ich nicht. Ich halte das für blanken Unsinn. Ich leide an diesem Regietheater sehr. Es geht ja nicht darum, dass die Stücke schlecht aufgeführt werden, das Schlimme ist, dass junge Menschen das sehen und glauben, die klassischen Stücke seien Dreck. Die Stücke sind aber kein Dreck. Sie werden nur falsch aufgeführt.

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