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Marcel Reich-Ranicki : Also jetzt mal ein bißchen Leidenschaft hier!

  • -Aktualisiert am

Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett” Bild: dpa/dpaweb

Deutschlands berühmtester Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wird 85 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag erscheint sein Hauptwerk in einer erweiterten Ausgabe.

          6 Min.

          Es ist der 13. August 1955. Marcel Reich-Ranicki sitzt im polnischen Seebad Ustka in einem Strandkorb und liest Goethe-Gedichte. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Ostsee liegt ruhig und weit und schön vor ihm. Da kommt ein blondes, junges Mädchen im blauen Rock mit zwei Kuverts in der Hand über den Strand zu ihm gelaufen. Sie lächelt so heiter und fröhlich, daß der Mann im Strandkorb sicher ist, die Kuverts könnten nur gute Nachrichten enthalten. Einer der Umschläge enthält einen Brief aus der Schweiz. Katia Mann, die Ehefrau Thomas Manns, entschuldigt sich, daß sie leider für ihren Mann antworten müsse, der im Krankenhaus liege, zum Glück aber schon auf dem Weg der Besserung sei.

          Der andere Umschlag enthält ein Telegramm vom Polnischen Rundfunk: „Thomas Mann gestern gestorben. Stop. Erbitten Nachruf fünfzehn Minuten, möglichst noch heute.“ Heute ist sich Marcel Reich-Ranicki zunächst gar nicht mehr ganz sicher, was er damals empfand und ob er in diesem Moment nicht vielleicht sogar etwas mehr an das Mädchen im blauen Rock dachte als an den verstorbenen Schriftsteller. Aber er weiß: „Ich saß etwas hilflos im Strandkorb.“ Und dann erinnert er sich doch an dieses eine Gefühl, das er empfand, als er vom Tode Thomas Manns erfuhr: „Ich fühlte mich verlassen.“

          Alle Seiten des Kritikers vereint

          Diese Episode erzählt Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie „Mein Leben“. Und diese Episode ist jetzt auch in die erweiterte Neuausgabe des Hauptwerks des Literaturkritikers Reich-Ranicki aufgenommen worden. In den Sammelband „Thomas Mann und die Seinen“. In diesem Buch sind alle Seiten des Kritikers vereint: Die Liebe. Die Wut. Der Wille, scheinbar für alle Zeiten festgezurrte Urteile zu überprüfen und zu revidieren. Der Unwille, über wirklich schlechte Bücher nachsichtige Urteile zu fällen. Klarheit. Nachvollziehbarkeit. Ehrlichkeit. Mut zum krassen Fehlurteil. Auch Ungerechtigkeit. Und vor allem aber: Leidenschaft. Engagement. Und Liebe.

          Damit ist dieses Buch, heute gelesen, ganz automatisch auch eine Anklageschrift gegen die Literaturkritik, wie sie zur Zeit in Deutschland betrieben wird. Eine Literaturkritik, die die Leidenschaft nicht kennt. Die buchhalterisch und beamtenhaft Buch auf Buch vom Tisch rezensiert, weil es eben gerade ins Haus geschickt wurde oder vor ein paar Wochen, egal, und weil es seit Jahren so gemacht wurde. So entstehen diese ganzen in Routine erstarrten Kritiken, die keiner mehr liest. Ohne Urteilswillen, Urteilskraft. Von Professoren und Gesinnungsprofessoren geschrieben. Die den Frühling nicht kennen. Nicht das Mädchen am Strand. Und nicht das Leben. Die nicht wissen, daß der Beruf des Literaturkritikers der schönste Beruf der Welt ist. Und daß sie eine Verpflichtung haben, gegenüber dem Leser. Eine verdammte Verpflichtung. All das weiß der Autor dieses herrlichen Buches: „Ich hielt es für eine meiner wichtigsten Aufgaben, einen Literaturteil zu redigieren, der nicht bloß von Kollegen und Fachleuten gelesen würde, sondern von möglichst allen, die sich für Literatur interessieren.“ - Was für eine Selbstverständlichkeit! Und: Was für eine notwendige Erinnerung!

          Es geht um alles!

          Marcel Reich-Ranicki wird am Donnerstag 85 Jahre alt. Und Marcel Reich-Ranicki ist, wie Sie alle wissen, Kolumnist, hier in diesem Feuilleton. Zwei gewichtige Gründe, einem Text über diesen Mann, über ein Buch dieses Mannes in diesem Feuilleton zu mißtrauen. Denn erstens sagt man zu Geburtstagen ohnehin nur Artigkeiten. Und zweitens einem Mitarbeiter in der Öffentlichkeit erst recht. Trotzdem ist an diesem Text hier nichts geschmeichelt. Nichts gelogen, umgebogen, nichts geschönt.

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