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Marcel Proust : Ein Genie entsteht

  • -Aktualisiert am

Solche Konstellationen konnte sich schon der Leser der „Recherche“ ausmalen oder fingieren. Doch durch die nachgelassenen Texte aus dem Frühstadium des Romans erhalten sie neue, kräftigere Nahrung. Die Notizbücher, die Proust seit 1908 in der Absicht füllte, endlich mit seinem großen Roman zu beginnen, dessen erster Band 1913 erschienen ist, sind eine Fundgrube für den Proust-Kenner, der eine Vielzahl von Figuren und Episoden des Romans wiedererkennen wird, bereichert durch aufgegebene Passagen, die als liegengebliebene Fäden des Lebenswerks zu dessen tieferer Ausleuchtung beitragen. Der Idee des Lebenswerks hat Proust eine neue und intensivere Bedeutung gegeben, die auch entlegene Materialien in seinen Strahlkreis zu ziehen erlaubt.

Der Band „Nachgelassenes und Wiedergefundenes“ beginnt mit Jugendschriften aus der Schul- und Studienzeit des Schriftstellers, der in einer jüngst erst wiederentdeckten Zeitschrift „Le Mensuel“ und in dem von ihm mitbegründeten Blatt „Le Banquet“ Feuilletons, Theater- und Ausstellungskritiken veröffentlichte. Die deutsche Ausgabe, deren umfangreicherer Teil Texte aus dem Umkreis der „Recherche“ enthält, ist, nach dem Abschluss der großen Frankfurter Ausgabe des Werks von Marcel Proust, deren erster Supplementband.

In dem ohnehin schon vielfach geschichteten Werk wird nun eine neue Schicht freigelegt. Die aufgegebenen Projekte „Gegen Sainte-Beuve“ und „Jean Santeuil“ bilden, zusammen mit den Jugendschriften, den Sockel, auf dem nun die Anfänge des endlich in Angriff genommenen großen Romans, in dem alles Frühere aufgehoben sein sollte, aufruhen. Und doch zeichnet sich auch dieses große Projekt durch einen eigentümlich fragmentarischen Charakter aus: Es sind kurze Stücke, Feuilletons nicht unähnlich, oft mit ungewisser Bestimmung. Sie könnten den Eindruck erwecken, für eine Zeitung oder Zeitschrift bestimmt zu sein, wie Proust später Auszüge aus seinem im Stadium der Drucklegung befindlichen Roman auswählen und, gelegentlich nochmals überarbeitet, separat veröffentlichen wird.

Es ist eine andere „Recherche“

Doch entgegen dem zufälligen Charakter, der sich zunächst aufdrängt, hatte so gut wie alles, was Proust in seine Notizhefte schrieb, für ihn offenbar eine präzise Stelle in der Architektur des künftigen Romans. Denn in Hinzufügungen, in denen er sich selbst redigiert, gibt er immer wieder – oft mit den Ausrufen „kapital“ oder „kapitalst“ – Anweisungen, wo der betreffende Text seinen Platz finden solle oder mit welcher älteren Passage er zu verknüpfen wäre. Doch wie schon der Vergleich der Bad Kreuznacher Episode in den Notizheften mit dem definitiven Text der „Recherche“ zeigt, sind die dann fälligen Umarbeitungen so eingreifend, dass man eher von einem Umschmelzungsprozess reden müsste. Der Roman, den der Autor schon während der Niederschrift der frühesten Stücke so präzise vor Augen zu haben scheint, ist allenfalls ein Gerüst, dessen Ausfüllung unabsehbar erscheint und immer neue Dispositionen erfordert.

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