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Marcel Beyer im Gespräch : Mich fasziniert das Weltwissen der Zoologen

  • Aktualisiert am

Vogelfreund: Marcel Beyer Bild: F.A.Z.-Daniel Pilar

In Marcel Beyers Roman „Kaltenburg“ sind die Protagonisten Wissenschaftler: Zur Zeit arbeitet der Autor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Was interessiert den Dichter an der Forschung?

          In Marcel Beyers Roman „Kaltenburg“ sind die Protagonisten Wissenschaftler: Zur Zeit arbeitet der Autor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Was interessiert den Dichter an der Forschung?

          Als Schriftsteller an einem Forschungsinstitut, arbeiten Sie da nun poetisch oder wissenschaftlich?

          Eigentlich will ich eine Brücke schlagen. Ich habe mir vorgenommen nachzuweisen, dass der Erzähler in Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als Kind kein Mensch, sondern eine Biene oder ein Bienenvolk ist. Also beschäftige ich mich mit der Geschichte der Bienenforschung, mit Imkereibüchern und auch mit gegenwärtigen Theorien über Bienen, um das alles auf Proust anzuwenden.

          Sie wollen im Ernst behaupten, dass Proust sich aus Bienenbüchern Ideen für seine Hauptfigur geholt hat?

          Bienenbücher hat er auf jeden Fall gelesen, Proust war ja ein großer Fan von Maurice Maeterlinck und hat dessen „Leben der Bienen“ gekannt. Und auch sonst war er, was Bienen angeht, informiert. Aber ich will gar nicht auf das Wissen des Autors hinaus, sondern schauen, was für ein Konzept Proust von seiner Figur hat. Insbesondere in dieser berühmten Szene, in der sich der Erzähler vom Duft des Weißdorns betört, in denselben schmeißt. In jedem Gartenbuch wird darauf hingewiesen, dass der Weißdorn scheußlich riecht. Er duftet einfach nicht. Also habe ich mich gefragt: Ist das denn ein Mensch, der sich so verhält wie eine Biene, die sich vom Weißdorn angezogen fühlt? Mal sehen, was dabei herauskommt.

          Haben Sie eine Vermutung, woher das kommt - bei Ihnen, bei Proust oder bei wem immer: Dass manche Schriftsteller in der Naturwissenschaft Modelle suchen für ... ich weiß nicht was.

          Genau, man sucht ein Modell, aber man weiß nicht genau wofür. Ich glaube der ganz starke Reiz liegt darin, dass man auf der einen Seite natürlich anschauliche Phänomene vor sich hat, so war es bei mir mit der Ornithologie. Die Vögel fliegen halt um uns herum, ich kann sie wahrnehmen, und mit den Bienen ist das genauso. Dann entstehen Fragen, der Griff geht zum Handbuch und schon arbeitet man sich immer weiter ein und irgendwann erkennt man parallele Muster zur literarischen Arbeit, über die sich die jeweiligen Wissenschaftler vielleicht gar nicht so bewusst sind. Ein Zoologe hat mir aber einmal gesagt, er sei der Überzeugung, dass viele Zoologen ihr Leben der Zoologie widmen, weil sie bestimmte ästhetische Reize so stark empfinden.

          Bei John M. Coetzee in „Das Leben der Tiere“ sagt die Protagonistin Elisabeth Costello, der Literat habe Zugänge zu den Tieren, die dem Forscher verschlossen sind. Wir können nicht wissen, aber fantasieren, wie es wäre, eine Fledermaus zu sein oder ein Versuchsaffe. Gibt es für Sie hier einen Unterschied zwischen Literatur und Wissenschaft?

          Ich habe den Eindruck, dass für einen Zoologen ein ästhetischer Reiz etwas ganz anderes ist als für mich. Den Roman „Kaltenburg“ hat in der Schlussfassung ein berühmter schwedischer Ornithologe gelesen und sehr hilfreiche Korrekturen angebracht. Das waren zum einen sachliche Korrekturen, dann kam aber auch dieser Moment, da hieß es im Manuskript „der Buchfink singt wunderbar“. Da schreibt mir der Ornithologe an den Rand: „Der Buchfink singt nicht wunderbar, sondern scheußlich“.

          Und wie singt der Buchfink denn nun?

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