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Kriege in der arabischen Welt : Der Durst nach Rache

Kampf bis zum Letzten: Ein syrischer Regierungssoldat an einer Straße bei Aleppo. Bild: dpa

Wer glaubt, im Nahen Osten könne es nicht noch schlimmer werden als mit dem Krieg in Syrien, muss Marc Lynch lesen. Der Autor bezweifelt, dass der globale „Dschihad“ noch zu besiegen ist.

          Von den vielen kurzatmigen Büchern über die epochalen Umwälzungen in der arabischen Welt hebt sich die jüngste Monographie des amerikanischen Nahost-Fachmanns Marc Lynch wohltuend ab. Zwar hatte Lynch Anfang 2011 das Wort vom „Arabischen Frühling“ erfunden - und damit die meisten Zeitgenossen auf eine falsche Fährte gesetzt. Denn das Wort suggeriert einen raschen und reibungslosen Übergang in eine gute Welt. Eingetreten ist das Gegenteil. Nun heißt der Untertitel der neuesten Studie von Lynch treffend: „Wie aus Aufständen Anarchie wurde.“

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Präziser als alle anderen Autoren arbeitet Lynch heraus, dass die arabischen Regime seit 2011 auch nicht ansatzweise damit begonnen haben, die Probleme anzupacken, an denen sich die Aufstände entzündet hatten; dass Regionalmächte wie Saudi-Arabien und Iran, wie die Türkei und Qatar die Chance gesehen haben, durch Stellvertreterkriege die regionale Ordnung nach ihren Vorstellungen zu verändern; dass die Regime konfessionelle Identitäten manipulieren und einsetzen, um ihre Machtstellung zu sichern und auszubauen - und damit einen konfessionellen Hass schüren, wie er in diesem Maße noch nicht vorhanden war.

          Chance für Demokratie vertan

          Der Politikwissenschaftler von der George Washington University in der amerikanischen Hauptstadt ist davon überzeugt, dass es 2011 „eine echte Chance für die Herausbildung neuer demokratischer Systeme“ gegeben habe. Die Aufstände wurden zwar niedergeschlagen, Lynch hält sie deswegen aber nicht für gescheitert. Denn die arabischen Regime haben sich nicht wieder stabilisiert. Sie seien überfordert, repressiv und paralysiert. Die kommenden Aufstände, prognostiziert Lynch, werden „sehr viel stärker von Rachedurst geprägt sein“, und sie werden „weitaus weniger friedlich verlaufen“. Seine Schlussfolgerungen sind düster. Lynch erwartet neue Kriege, die über Jahrzehnte die Region bestimmen werden; eine Rückkehr zu Stabilität schließt er aus. „Die arabischen Aufstände von 2011 waren nur eine Episode in einem jahrzehntelangen Widerstand gegen eine gescheiterte politische Ordnung“, schreibt Lynch.

          Die brillanten Analysen sind eingebettet in faktenreiche Schilderungen der Ereignisse aller wichtigen Länder der arabischen Welt seit 2011. Besonders klar arbeitet Lynch die Rolle von Qatar heraus, das in allen Ländern des Umbruchs die Muslimbruderschaft unterstützt hat - nicht aus ideologischer Nähe, sondern weil die Führung in Qatar in den Muslimbrüdern einen Hebel gesehen hatte, um gegenüber dem übermächtigen Saudi-Arabien selbst ein gestaltender Akteur zu werden. Saudi-Arabien wiederum kommt vor allem wegen seiner gescheiterten Syrien-Strategie nicht gut weg. Lynch macht insbesondere den abgesetzten Geheimdienstchef Bandar Bin Sultan für die Radikalisierung des Aufstands und die unkontrollierte Ausbreitung von Gewalt in Syrien verantwortlich. Bandar habe „ein riskantes Blatt schlecht gespielt“, schreibt der Autor. Nun befinde sich Syrien in einem „zerstörerischen Gleichgewicht“.

          Zivilisten im Ostteil von Aleppo warten auf ihre Evakuierung.

          Zu den Schwächen des Buchs zählt, dass Lynch die globale Ebene ausblendet. So kommt Russland kaum vor, obwohl es gerade über den Nahen Osten in die Weltpolitik zurückgekehrt ist. Zum Ende der Amtszeit des amerikanischen Präsidenten Barack Obama verteidigt Lynch dessen Strategie der Redimensionierung im Nahen Osten, wobei Obama den regionalen Mächten ein ungewohntes Maß an Eigenständigkeit verliehen hat. Lynch sieht gute Gründe dafür, dass sich Obama von der Politik seines Vorgängers George W. Bush abgewendet hat, der unbegrenzt Ressourcen in den Irak gepumpt und auf vielen Schauplätzen einen kalten Krieg gegen Iran geführt hat. Obama habe aber erkannt, dass sich Amerika auf schwerfällige repressive Regime als Partner stütze und dass es wenige Trümpfe in der Hand halte.

          Lynch macht deutlich, wie sehr die Interessen der Regierung Obama und der nahöstlichen Regime auseinanderklafften: Obama wollte einen demokratischen Wandel in Ägypten, ein Atomabkommen mit Iran, israelisch-palästinensische Friedensgespräche und eine politische Lösung in Syrien. Die Partner Amerikas wollten das Gegenteil. Obama sei bei seinen Positionen geblieben: „Es war Obamas Stärke und nicht seine Schwäche, die sie zur Weißglut trieb.“ Amerikas Verbündete hätten aber die neuen Prioritäten, die Washington gesetzt hat, missbilligt und diesen entgegengearbeitet. Daher, so Lynch, sei die „landläufige Ansicht, am Chaos in der Region sei das nachlassende amerikanische Engagement schuld“, nicht richtig.

          Meinungsunterschiede bestanden beispielsweise in der Beurteilung der Muslimbruderschaft. Lynch beklagt, dass die Zerschlagung der Muslimbruderschaft das Aus für den wichtigsten Akteur des gemäßigten Islamismus bedeutet habe. Damit ist der wichtigste Schutzwall gegen den Dschihadismus weggebrochen. Daher, auch das eine düstere, aber realistische Schlussfolgerung von Lynch, sei die Idee eines globalen Dschihad nicht mehr leicht zu besiegen.

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