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Marbacher Fundstücke : Heilbut? Nie gehört!

  • -Aktualisiert am

Nicht zu vergessen: Iwan Heilbut, Dichter Bild: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Hans Magnus Enzensberger hat eine Abenteuerreise in die Literaturgeschichte unternommen und hat den vergessenen deutschen Dichter Iwan Heilbut gefunden - im Literaturmuseum der Moderne, das am 6. Juni eröffnet wird.

          Heilbut? Nie gehört. Wer soll das sein? Ein Dichter? Hier in dieser Vitrine? Tatsächlich! „Welt und Wanderer“, fünf Strophen von Iwan Heilbut. Durchgestrichen: „Die“ und „der“. Ein weiteres Wort ist überschrieben, fast unleserlich; mit einiger Mühe kann man es entziffern: ursprünglich stand da das Wort „fester“. Der Dichter hat es durch „dichter“ ersetzt, vermutlich, damit die Zeile sich auf „Lichter“ reimt.

          Ein unbekannter Bearbeiter hat das Manuskript redigiert, Klammern und Leerzeilen hinzugefügt und mit flotter, routinierter Schrift das Wort „Text“ neben die Überschrift gesetzt. Es sieht ganz so aus, als wäre das der Redakteur vom Dienst, der das Gedicht für sein Blatt druckfertig gemacht hat. Darauf deutet auch die Büroklammer hin, und ganz unten auf der Handschrift die kleine Uhr, aus der hervorgeht, daß der „Text“ am 17. Oktober genau um sieben Uhr fünfundfünfzig in Satz gegangen ist. Mit einigem Eifer ließe sich womöglich die Nummer der Zeitung oder der Zeitschrift ermitteln, in der „Welt und Wanderer“ vor wer weiß wie vielen Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat.

          Das vergilbte Blatt verführt

          Aber muß das sein? Und sollten wir wirklich versuchen, uns einen Reim auf Heilbuts Reime zu machen? „Ein Vogel eult, uhuh“; „Gedanken, gottgedacht“: Nein. Die Interpretation überlassen wir lieber den Germanisten, die sicher in der Lage sind, das Gedicht, wie es heißt, dort, wo es hingehört, „einzuordnen“.

          Heilbuts Gedicht-Manuskript „Welt und Wanderer”

          In meinen Augen liegt der Reiz einer solchen Handschrift ganz woanders. Das vergilbte Blatt verführt dazu, sich auf die Suche nach dem verschollenen Autor zu machen. Eine solche Recherche führt zunächst durch die naheliegenden, verdienstvollen, aber dürren Spalten der Lexikographie.

          Immerhin ein eigenes Lemma

          „Heilbut, Iven George, eigentl.: Ivan H, auch: Jan Helft“. Aha, immerhin ein eigenes Lemma. Und es gibt also sogar ein Pseudonym! Da gerät der Leser bereits ins Grübeln. Schon allein die Vornamen geben zu denken: Iven deutet auf Verbindungen in die Niederlande, und George (statt Georg) könnte auf britische oder französische Wurzeln hinweisen. Geboren aber wurde Heilbut in Hamburg am 15. Juli 1898.

          Daß Heilbut Jude war, weiß auch das Autorenlexikon. Wer über seine Familie Näheres wissen will, muß sich allerdings an das Internet halten. Da gibt es so aufschlußreiche Seiten wie das Sourcebook for Jewish Genealogies and Family Histories oder die Dutch Jewish Genealogical Data Base. Dort zeigt sich, daß die Heilbuts eine der ältesten jüdischen Familien Hamburgs sind. Eine Gitel Heilbut ist 1734 in Altona gestorben, und ein Hamburger Rechtsanwalt hat 1880 einen Aufsatz über „Die Thätigkeit des Gerichtsschreibers in Civilprozeß und Konkursverfahren“ publiziert. Er hieß Dr. Iwan Heilbut, und es liegt nahe anzunehmen, daß er der Vater unseres Dichters war.

          „Triumph der Frau“

          Auf eine ganz andere Spur führt das Gedenkbuch des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten. Ihm zufolge sind nicht weniger als vier Angehörige der Familie im Ersten Weltkrieg gefallen: Alfred und Erwin aus Hamburg, Gustav und Rudolf als Altona. Den Geburtsdaten nach könnten sie Brüder des Dichters gewesen sein. Fest steht jedenfalls, daß es der Familie nicht an deutschem Patriotismus fehlte. Einem Julius Heilbut, der in Hamburg eine Privatbank am Alstertor besaß, hat das nicht geholfen; der Dank des Vaterlandes bestand darin, daß seine Bank 1938 zwangsweise arisiert wurde, und daß er, wie man in Yad Vashem erfahren kann, am 1. Dezember in Auschwitz ermordet worden ist.

          Zu dieser Zeit hatte Iwan Heilbut Deutschland längst verlassen; er lebte schon seit 1933 in Paris. Nach einem abgebrochenen Studium hatte er sich seit 1923 sein Brot mit Journalismus verdient. Ein paar expressionistische Gedichte soll er in Herwarth Waldens Zeitschrift „Der Sturm“ veröffentlicht haben, aber in der Hauptsache schlug er sich mit kleiner Prosa und mit Feuilletons für die Zeitungen durch. Als Buchautor debütierte er 1928 mit einem Roman, den er wohl nur geschrieben hat, um Geld zu verdienen; der Titel „Triumph der Frau“ legt diese Vermutung nahe. Zwei Jahre später folgte ein Buch, das Friedrich Hebbel zum Helden hatte („Kampf um Freiheit“), und 1930 ein Angestellten-Roman („Frühling in Berlin“).

          Neben Brecht und Broch

          Sogleich nach Hitlers Machtergreifung emigrierte Heilbut nach Frankreich. Seine Schriften wurden in Deutschland verboten. Die Basler Nationalzeitung gab ihm eine schmale Existenzbasis als Pariser Kulturkorrespondent; auch schrieb er für die Exilpresse, vor allem für Leopold Schwarzschilds Neues Tage-Buch. 1937 konnte er in Zürich einen explizit politischen Essay veröffentlichen: „Die ,Protokolle der Weisen von Zion' und ihre Anwendung in der heutigen Weltpolitik“. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er, wie die meisten Emigranten, als feindlicher Ausländer interniert, wahrscheinlich in dem berüchtigten Lager von Les Milles. Im Jahr 1941 gelang ihm die Flucht in die Vereinigten Staaten, und zwar mit Hilfe des amerikanischen Konsuls in Marseille. Diesem Mann verdanken Hunderte von Verfolgten nicht nur ihre Visa, sondern ihr Überleben. Er hieß Varian Fry. Sein Bericht über das, was er getan hat, ist 1968 auch auf deutsch erschienen: „Auslieferung auf Verlangen. Die Rettung deutscher Emigranten in Marseille 1940/41“. Das geheime Emergency Rescue Committee, an dem Fry maßgeblichen Anteil hatte, hat nicht nur Heinrich Mann, Franz Werfel, Max Ernst und vielen anderen berühmten Leuten, sondern auch Iwan Heilbut die Flucht ermöglicht.

          Während die Biographien der Prominenten gut erforscht sind, liegen Heilbuts amerikanische Jahre im Dunkeln. Wer sie erforschen wollte, müßte sich an das Deutsche Exilarchiv in Frankfurt halten; dort werden einige Kartons mit seinem Briefwechsel aufbewahrt. Er hat mit Hans Sahl, Carl Zuckmayer, Gustav Regler, Julius Bab und vielen anderen korrespondiert; sogar ein unveröffentlichter Roman mit dem Arbeitstitel „1933“ ist dort zu finden. Wer sich mit Iwan Heilbut befaßt, müßte aber auch ein paar Monate in der New Yorker Public Library, in der Smithsonian Institution in Washington, an der Vanderbilt University und an der State University in Albany zubringen. Dort liegen nämlich die Akten der Hilfsorganisationen, die sich um die deutschen Emigranten gekümmert haben: des American Council for Emigres in the Professions, der American Guild for Cultural Freedom und der Deutschen Akademie der Künste und Wissenschaften im Exil. In der langen Liste der Unterstützten taucht, neben Brecht und Broch, Kracauer und Loewith, Ernst Cassirer und Anna Seghers, auch der Name Iwan Heilbuts auf. Eine Vorstellung von den Problemen der deutschen Emigration in Amerika gibt ein Buch, das 1987 erschienen ist: „Kultur ohne Heimat. Deutsche Emigranten in den USA nach 1930“. Und wie heißt sein Verfasser? Heilbut, Anthony Heilbut. Da fällt es schwer, an einen Zufall zu glauben.

          „Ohne festen Wohnsitz“

          Auch unter den schwierigsten Bedingungen gab unser Autor sich nicht geschlagen. Es ist ihm gelungen, mitten im Krieg in den Vereinigten Staaten drei Werke zu publizieren, zwei auf deutsch und eines auf englisch: den Roman „Francisco und Elisabeth“ (1942), den Lyrikband „Meine Wanderungen“ (1942) und die autobiografische Erzählung „Birds of Passage“ (1943), die Julius Bab damals im „Aufbau“ rezensiert hat: „Die Angst, den Geist, die politische Zerspaltenheit, die Kriegsverwirrung der Pariser, die haben viele genau so erlebt - und dann genau so das Lager der deutschen Zivilinternierten, Elend und Armut der Gefangenschaft, Buntheit der eng zusammengepferchten Personen; die Anständigen und die Frechen, die Idealisten und die heimlichen Nazis - die Panik beim Herannahen der Deutschen, die Öffnung des Lagers im letzten Augenblick - all das hat man ja selbst erlebt. Und man meint, dies Buch hätte man am Ende auch selbst schreiben können. Aber ,man' irrt sich.“

          Traurig ist Heilbuts Leben auch nach der Katastrophe verlaufen. 1950 kehrte er nach Deutschland zurück. Irgendwo in den so genannten Wiedergutmachungsakten muß es Belege für die Kämpfe geben, die er mit der Bürokratie ausgefochten hat. Die Bibliografien verzeichnen noch drei Veröffentlichungen aus der Nachkriegszeit, die kaum Beachtung fanden: den Roman „Liebhaber des Lebens“ (1949), dessen Titel einen bitteren Beigeschmack hat, einen Band mit Erzählungen („Höher als Mauern“, 1965) und einen Gedichtband („Anrufe“, 1963). Heilbut wurde in der fremden Heimat nie mehr heimisch; er blieb, wie es ominöserweise heißt, „ohne festen Wohnsitz“. Am 15. April 1972 ist er, vierundsiebzigjährig, in Bonn gestorben. Im Verzeichnis lieferbarer Bücher fehlt sein Name, und auch im Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher hat er nur wenige Spuren hinterlassen.

          Die kleine Aura

          Wahrscheinlich wird nie wieder jemand seine Schriften drucken. Womöglich reicht es nicht einmal zu einer Dissertation, und auch den Roman seines Lebens wird keiner mehr schreiben. Die Geschichte der Literatur ist vergesslich, und damit mag es am Ende sogar sein Bewenden haben. Die Menschheit kann und will sich nicht alles merken.

          Und doch sieht man das Blatt in der Vitrine mit anderen Augen an, wenn man weiß, wer es geschrieben hat. Die kleine Aura und der schwache Trost, das ist es, was uns die Archive zu bieten haben. Sie nehmen den Kampf mit der Vergeßlichkeit auf. Es ist ein Kampf, den niemand gewinnen kann. Daß die Archivare ihn nicht aufgeben, darin liegt ihr diskreter Ruhm und ihre Tugend.

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