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Mankells letztes Buch : Unbegreiflich, aber nicht zu ändern

  • -Aktualisiert am

Henning Mankell Bild: dpa

„Treibsand“, Henning Mankells letztes Buch, darf man als seine Memoiren lesen. Es ist ein Sammelsurium von Erinnerungen, Gedanken und Appellen. In Axel Milbergs Lesung entfaltet das besonderen Reiz.

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          Henning Mankell war mit dem Zug unterwegs, als er zufällig in der Zeitung einen Artikel las: Irgendwo in den Tiefen Finnlands sei eine Höhle zur Endlagerung von radioaktivem Müll bestimmt worden, wobei „Endlagerung“ heißen sollte: mindestens für die nächsten 100 000 Jahre. Der Artikel, so schreibt der Autor der Wallander-Krimis in seinem gerade als Buch und auch als Hörbuch erschienenen letzten Werk „Treibsand“, stand auf einer der hinteren Zeitungsseiten, nach diversen Berichten über Prominente, das Wetter und schnelleres Abnehmen in vierzehn Tagen. Vierzehn Tage - das sei so der zeitliche Horizont, den der Mensch normalerweise überblicke, schreibt Mankell ohne Groll. Er selbst nahm seit seiner Krebserkrankung eher die 100 000 Jahre in den Blick.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn im Angesicht seines nahenden Todes hat sich der schwedische Schriftsteller der Zukunft zugewandt. Sein Buch „Treibsand“, das Mankells Freund, der Schauspieler Axel Milberg, mit genau jenem Ton staunender Naivität eingelesen hat, der auch den Text durchzieht, ist ein Sammelsurium von Erinnerungen, Gedanken, Recherchen und Appellen, als deren roter Faden sich die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Atommüll erweist. Das mag skurril wirken, ist aber insofern nicht überraschend, als Mankell immer ein politisch denkender Mensch war, der Anstoß genommen hat beispielsweise an der Fremdenfeindlichkeit in seiner Heimat oder an den Folgen des Bürgerkrieges in Moçambique, wo er lange lebte.

          Leben als Überlebenskunst

          In „Treibsand“, das man nicht nur wegen Mankells Tod vor wenigen Tagen als seine Memoiren lesen darf, lässt er sich von diesem Interesse mal hierin, mal dorthin leiten - auf die Osterinseln mit ihren rätselhaften Steinskulpturen, nach Kreta und Malta und von dort zurück in die letzte Eiszeit, die ihn vor allem interessiert, weil er sich von ihr ausgehend vorzustellen versucht, wie eine nächste Eiszeit aussehen könnte. Die Unbegreiflichkeit ist sein großes Thema: Wie wäre es, wenn ein dreißig Meter hoher Eisberg über Schweden läge? „Es reicht, etwa drei Kilometer spazieren zu gehen und sich dabei vorzustellen, man würde die ganze Zeit die Treppe hinaufsteigen.“ Dass sich das wohl kaum jemand vorstellen kann, ist dabei der entscheidende Punkt. Denn was allein hilft, ist Phantasie. Sie sei notwendig „für Überleben“, schreibt Mankell an anderer Stelle. Überhaupt sei Leben im Grunde „nichts anderes als Überlebenskunst“. Und dass dies natürlich längst nicht mehr nur politisch zu verstehen ist, liegt auf der Hand.

          Von welcher Seite er das Problem der Endlagerung atomaren Mülls also betrachtet, sprich: Welches Beispiel er auch bemüht, um diesen Zeitraum von 100 000 Jahren zu begreifen - er wird stets gewahr, dass seine Ausflüge in die Geschichte nur Hilfskonstruktionen sind, die eine Annäherung bieten, aber nicht mehr. In Momenten drohenden Schwindels angesichts dieser Undurchdringbarkeit von Zeit und Raum hilft ihm dann immer wieder ein Blick auf ein Foto, das ihn selbst als neun Jahre alten Jungen zeigt und Anlass zu Anekdoten aus seiner Kindheit bietet. Mit ihnen „kehrt die Kraft zurück“, verrät er und: „Die Suche nach dem Überblick kann wohl weitergehen.“ Diese Suche macht Mankell immer wieder staunen. Die Unverdrossenheit, mit der er sie begeht, aber erstaunt seine Hörer.

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